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Zweiter Band der Edition Herder Korrespondenz zur Herausforderung des Populismus für Religion und Gesellschaft : Mut zur Wahrheit

Buchvorstellung und Podiumsdiskussion
 © Bild: Bistum Dresden-Meißen

Rechtspopulistische Gruppierungen sind auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Mit Ressentiments antworten sie auf die Ängste von Menschen und agieren gegen Randgruppen, aber auch den demokratischen Rechtsstaat selbst. Religion ist dabei ein zentrales Thema. Man will das „christliche Abendland“ gegen „die Muslime“ verteidigen und kritisiert das Flüchtlingsengagement der Kirchen. Angriff auf die Religion also? Gerade mit Blick auf AfD, Pegida und Co. braucht es hier Mut zur Wahrheit. Der zweite Band der Edition Herder Korrespondenz "Afd, Pegida und Co" wurde am 12. Januar in Dresden vorgestellt.

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Voller Saal und aufgeheizte Stimmung: Mehr als 200 Besucher, darunter auch viele Pegida-Anhänger, kamen am Donnerstagabend zur Buchpräsentation des zweiten Bands der Edition Herder Korrespondenz in das Kathedralforum der Katholischen Akademie in Dresden. Zwischen Martin Dulig, dem stellvertretendem sächsischen Ministerpräsidenten der SPD, und dem Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt kam es zu einem Schlagabtausch. Während der SPD-Minister bei der Veranstaltung mit dem Titel "Pöbelnde Populisten" hervorhob, dass mit der Verrohung der Sprache auch der Gewalt gegen andere der Weg geebnet werde, versuchte der Dresdener Politikwissenschaftler Patzelt die Hintergründe des Zuspruchs zur Pegida-Bewegung beziehungsweise der AfD zu erläutern.

Die Katholische Nachrichtenagentur berichtet über den Abend:

Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt hat Kirchenvertreter davor gewarnt, die AfD pauschal als nicht wählbar für Christen zu bezeichnen. "Viel besser wäre es, wenn sie Maßstäbe und Kriterien herausarbeiten, nach denen Christen Parteien beurteilen können", sagte Patzelt am Donnerstagabend auf einer Podiumsdiskussion in der Katholischen Akademie in Dresden. Dem stimmte auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) zu: "Der Wähler muss schauen, inwieweit christliche Werte wie etwa Nächstenliebe mit den politischen Forderungen der Parteien vereinbar sind."

Patzelt machte das Agieren der CDU für den erstarkenden Rechtspopulismus in Deutschland verantwortlich. "Die CDU hat es versäumt, nach rechts zu integrieren." Pegida und die AfD seien das sichtbare Ergebnis dieser Entwicklung. "Es spricht vieles dafür, dass im rechten politischen Bereich eine Repräsentationslücke aufgetreten ist", erklärte Patzelt.

Bürger fühlten sich mit ihren Ängsten oder Sorgen, etwa mit Kritik an der Einwanderung, nicht mehr in den Parlamenten vertreten. Zugleich warnte er davor, mit Ausgrenzung auf die Sympathisanten von Pegida und AfD zu reagieren: "Das vertieft die Repräsentationslücken nur weiter." Man müsse vielmehr "den verlorenen Schafen nachgehen".

Dulig kritisierte eine Enthemmung der Sprache: "Der Vernichtung von Menschen geht ihre Entmenschlichung voraus, und das beginnt mit Sprache." Es sei überaus wichtig, genau auf die Sprache zu achten. "Die Enthemmung der Sprache ist eine Voraussetzung dafür, dass manche dann Hass mit Gewalt ausdrücken", so der sächsische SPD-Chef.

Er verurteilte etwa die Verwendung von nationalsozialistisch geprägten Begriffen wie "Volksverräter" oder "Lügenpresse". Zugleich warnte auch er: "Wir sollten nicht mit moralischer Überlegenheit argumentieren - mit Verachtung erreichen wir niemanden." Das Wichtigste sei jetzt "politische Vertrauensarbeit".

Zugleich wurde an dem Abend der Aufsatzband "AfD, Pegida und Co. - Angriff auf die Religion?" vorgestellt. Er ist im Herder-Verlag erschienen und vom 17. Januar an im Handel erhältlich. Zu den Autoren zählen neben Patzelt auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, sein Amtsvorgänger Hans Joachim Meyer sowie der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner.

„AfD, Pegida und Co. Angriff auf die Religion?“ - Der neue Band der Edition Herder Korrespondenz

Leseprobe aus dem Beitrag von Christian Hermes, katholischer Stadtdekan von Stuttgart:

”Hier können und sollen nicht die komplexen politischen Sachprobleme oder die demagogische und populistische Technik betrachtet werden, mit der die AfD, ähnlich wie rechte Parteien vor ihr oder in anderen Ländern um Unterstützung werben, indem sie Angst und Hass schüren, Menschen pauschalisierend mit Hetze und Häme überziehen, provozieren und hernach relativieren oder sich als Stimme der »kleinen Leute« und des »einfachen Volkes« inszenieren und das Ressentiment als großes Geschütz der kleinen Geister auffahren. Diese politische Technik ist ebenso durchschaubar, wie es inzwischen offenkundig ist, dass die »Alternative für Deutschland« politisch-inhaltlich nur negativistisch ausgerichtet ist, indes für keine politische Herausforderung der Gegenwart irgendeinen sinnvollen und konstruktiven Lösungsvorschlag einzubringen hat.

Wie andere rechte Protestparteien und -bewegungen vor ihr ist sie politisch nicht Teil der Lösung, sondern des Problems selbst. Dies auch deshalb, weil die Partei inzwischen als Sammelbecken von anderswo Gescheiterten, Frustrierten, weltanschaulichen Sonderlingen und vielfach auch sozial problematischen Persönlichkeiten mit Hang zu Querulantentum, Verschwörungstheorien und Egozentrik auffällig geworden istund damit inhaltlich und personell trotz des überdurchschnittlichen Akademikeranteils genau jenes Zerrbild einer Partei abgibt, mit dem sie die so bezeichneten »Altparteien« gerne diffamiert.

Der Versuch, die Kirchen zu umarmen und zu instrumentalisieren, war wohl tatsächlich ernst gemeint. Sollte das Eintreten für »family values«, für Heimat und Volk, für Identität und Tradition, für konservative Werte und eine »heile« Vergangenheit, insbesondere aber der Kampf gegen »den Islam« und für die Identität des »christlichen Abendlandes« nicht hohe Zustimmungswerte gerade bei Christen erreichen? In anderen Ländern hat dies mehr oder weniger gut funktioniert. Beispielsweise zeigt die aktuelle Regierung des zutiefst katholisch geprägten Heimatlandes des hl. Johannes Pauls II., dass ein glühendes Bekenntnis zum Katholizismus politisch ebenso gut mit einer national-populistischen Politik und der Weigerung, sich an der Lösung der Flüchtlingskrise zu beteiligen, zusammengehen kann, wie der Genuss europäischer Transferleistungen mit der Verachtung für die Europäische Union. Dem Werben der AfD um die Christen sind denn auch in Deutschland manche offenkundig zunächst auf den Leim gegangen, die sich von anderen Parteien nicht (mehr) vertreten oder ernst genommen fühlen. Menschen, die sich in den Unsicherheiten einer komplexen und heterogenen, säkularen und zugleich plural religioiden Postmoderne verunsichert oder unbeheimatet fühlen und in einer geschlossenen religiösen Identität weltanschauliche Sicherheit im Rückgriff auf eine bessere Vergangenheit gefunden haben, können die AfD als zunächst stimmiges politisches Identifikationsangebot empfinden. So bildete sich innerhalb der AfD auch eine Gruppe »Christen in der AfD«, in Baden-Württemberg auch als »Pforzheimer Kreis« bekannt, deren Grundsatzerklärung zwar mit Papst Benedikt XVI. und einer protestantischen Fassung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses schließt, leider aber eine Positionierung zu den antichristlichen Positionen vermissen lässt, mit denen die Partei in die Schlagzeilen gekommen ist und die zum Konflikt mit den christlichen Kirchen geführt haben.

Zunehmend machte sich die AfD durch menschenverachtende, völkisch-nationalistische und apokalyptische schrille Positionen und Forderungen, durch pauschale Diffamierung ganzer Menschengruppen und eine unseriös wirkende politische Vorgehensweise bemerkbar.“

Aus den Presseinformationen des Verlags:

Wie ist es überhaupt zum Phänomen AfD gekommen? Und worum geht es ihr im Kern? Wie sehen die AfD und einzelne ihrer wichtigen Vertreter das Christentum, das Judentum und den Islam? Inwieweit ist die Berufung auf das »christliche Abendland« zutreffend? Welche Enttäuschungen stehen möglicherweise hinter den kritischen Haltungen? Aber auch: Wie gehen auf der anderen Seite die Kirchen und ihre wichtigsten Vertreter mit dem neuerlichen Rechtspopulismus um? Wie ist ihm ihrer Überzeugung nach am besten zu begegnen, artikuliert er doch immer wieder auch diametral entgegengesetzte Überzeugungen zum Christentum, vor allem beim Einsatz für Fremde, in Not Geratene, Hilfe suchende Flüchtlinge? Welche Wege führen bei der Auseinandersetzung mit den Provokationen durch AfD, Pegida und Co. auf der anderen Seite in die Irre?

Das sind die Fragen, um die es in diesem zweiten Band der Edition Herder Korrespondenz über die Wechselbeziehungen zwischen Rechtspopulismus und Religion geht. Dabei kommen ganz unterschiedliche Ansätze und Lösungsvorschläge zu Wort. Die europäischen Perspektiven werden ebenso berücksichtigt wie die besondere Situation in Sachsen oder in Baden-Württemberg. Zu Wort kommen Politiker, Theologen, Politikwissenschaftler sowie andere Experten und Kirchenmänner. 

Mit Beiträgen des Kölner Erzbischofs Kardinal Rainer Maria Woelki, des ZdK-Präsidenten Thomas Sternberg, des ehemaligen sächsischen Wissenschaftsministers Hans Joachim Meyer, der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt und Joachim Klose sowie Andreas Püttmann, des Stuttgarter Stadtdekans Christian Hermes, des Dresdener Theologen Karlheinz Ruhstorfer, der Osnabrücker Theologin Sonja Angelika Strube und des Osteuropa-Experten Paul M. Zulehner.

Dieser Artikel wird fortlaufend aktualisiert.

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2 Kommentare

Von am

Sehr geehrte Autoren,
mal dahingestellt, wie man über die AfD denkt, klar ist, auch der Herder-Verlag schwingt sich - wie das ZDK und Prälat Jüsten - zum moralischen Steigbügelhalter von Frau Merkel und den sogen. "demokratischen Parteien" inkl. vieler "Gut"-Organisationen auf. Ich finde das im höchsten Maß unpassend und erkennbar einseitig. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum zahlreiche Lebensschützer sich bei der CDU(!) nicht mehr wohl fühlen und zur AfD gewechselt sind? Es muß endlich dieses unsägliche bashing dem main stream gegenüber kritischen Wählern aufhören. Dazu wären christliche Organisationen ideale Brückenbauer. Mir scheint nur, ureigene christlich-katholische Themen wie der Kampf gegen Abtreibung und den Gender-Wahnsinn in den Schulen unserer Kinder sollen eher unter dem Radar bleiben, weil damit im "liberalen" Lager keine Sympathien gewonnen werden können. Bald wird sich die Kirche entscheiden müssen, welchen Weg sie beschreiten will. Ich bete für Weisheit, Besonnenheit, Barmherzigkeit und Standfestigkeit gegen manche Auswüchse des üblichen Zeitgeists, der sehr oft das Gegenteil von dem bewirkt, was - nach meiner Auffassung - Christen auf dem Schirm haben sollten.

Von am

10.3.2017

Lapidare Frage: Ist Patzelt noch zu retten?

1. Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt hat Kirchenvertreter davor gewarnt, die AfD pauschal als nicht wählbar für Christen zu bezeichnen.
2. "Viel besser wäre es, wenn sie Maßstäbe und Kriterien her-ausarbeiten, nach denen Christen Parteien beurteilen kön-nen", sagte Patzelt am Donnerstagabend auf einer Podi-umsdiskussion in der Katholischen Akademie in Dresden.
3. Patzelt machte das Agieren der CDU für den erstarkenden Rechtspopulismus in Deutschland verantwortlich.
4. "Die CDU hat es versäumt, nach rechts zu integrieren." Pegida und die AfD seien das sichtbare Ergebnis dieser Entwicklung.
5. "Es spricht vieles dafür, dass im rechten politischen Bereich eine Repräsentationslücke aufgetreten ist", erklärte Patzelt.

Lapidare Antwort: Nein!

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