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King of Pop: Michael Jackson oder ein Erlöser als mediale Kunstfigur

Von Elisabeth Hurth Quelle: Herder Korrespondenz 63. Jahrgang (2009), Heft 8, S. 410-415

Michael Jackson oder ein Erlöser als mediale Kunstfigur : King of Pop [Auszug]

Der frühe und noch rätselhafte Tod Michael Jacksons hat einen Verehrungskult in Gang gesetzt. Aus dem medial stilisierten Bild des geheimnisumwitterten „King of Pop" entsteht eine popsozialisierte Form der Heiligenverehrung. Andere erklären ihn gleich zum Messias und finden dafür im Schaffen des unnahbar Nahen reichlich Anschauungsmaterial.

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Mit ausgebreiteten Händen steht Michael Jackson vor seiner Fan-Gemeinde, die das „Wunder" seiner Erscheinung feiert. Dann ein Aufschrei: Jackson bricht zusammen. Betroffenes Schweigen im Publikum. Doch plötzlich schwebt von oben eine Engelsgestalt herab und breitet ihre Flügel über Jackson aus. Die Fan-Gemeinde schwenkt Wunderkerzen und jubelt ihrem „Jacko" zu. „Will you be there?", fragt dieser schluchzend. Die „Gemeinde" antwortet in einem Lichtermeer mit zustimmenden Klatschen und Winken.

Die religiöse Dramaturgie, die solcher „call and response"-Liturgie zu Grunde liegt, wird auch sprachlich explizit zum Ausdruck gebracht. Jackson präsentiert sich selbst als jemand, der sich nach Liebe, Trost und Zuwendung sehnt: „Carry me like you are my brother. Love me like your mother. When weary - tell me will you hold me? When lost will you find me?" In diesen Fragen ist Jackson der Leidende, der Überforderte, der an seiner Aufgabe zweifelt: „Seems that the world's got a role for me. I'm so confused." Er ist der Unverstandene, der von anderen vereinnahmt wird. Jackson ist Opfer und in dieser Opferpose fordert er Gefolgschaft und Verehrung ein: „Love me, (...) carry me, (...) lift me up."

Das Versprechen „I will be there" ist an die Treue und Nachfolge der Fans gebunden: „In my deepest despair will you still care? Will you be there in my trials and my tribulations?" Die letzte Strophe verleiht solchen Leiden und Versuchungen einen heilbringenden Charakter und sichert den Fans die immerwährende Gegenwart und Anteilnahme ihres Angebeteten zu: „In my anguish and my pain, through my joy and sorrow, in the promise of another tomorrow I'll never let you part - for you're always in my heart." Aus dem sentimentalen Psycho-Drama des Opfers Jackson entsteht so die messianisch stilisierte Verheißung des Erlösers Jackson, der in seinem Leiden die Leiden der Menschheit stellvertretend auf sich nimmt.

In seinem Buch „Worshipping Elvis" (New York 1995) trägt der Schriftsteller John Strausbaugh die These vor, Elvis Presley entwickle sich posthum zum ersten Religionsstifter des Medienzeitalters. Der Elvis-Kult habe Männer und Frauen aus allen Schichten und Altersstufen erfasst und tatsächlich eine „Nachfolge" geschaffen, in der sich viele so verhielten wie gläubige Jünger. In die Galerie solcher Religionsstifter gehört nunmehr auch der „King of Pop". Sein früher und rätselhafter Tod hat einen Verehrungskult in Gang gesetzt, der das Geheimnis der Ewigkeit umkreist. Für viele Fans ist der „King of Pop" dem Irdischen enthoben. Daher leugnet man unangenehme Tatsachen oder Berichte von Enthüllungsjournalisten. Einige Fans bestreiten gar den leiblichen Tod ihres „Königs" - „Jacko lebt" - und beteiligen sich an haarsträubenden Spekulationen um einen vermeintlichen Scheintod oder eine „Wiedergeburt". Die Medien arbeiten dem „Mythos Jackson" zu. Sie bereiten das Leben des „King of Pop" legendarisch auf und mystifizieren seinen Tod. Ausgehend vom medial stilisierten Bild des geheimnisumwitterten „Königs" entsteht so eine popsozialisierte Form der „Heiligenverehrung".

Die aktuelle "Michael-Mania" bestätigt einen seit längerem zu beobachtenden Trend: die Ablösung der „klassischen" religiösen Vorbilder durch Massenidole, die hauptsächlich in und von den Medien leben. Idole liefern Identifikationsmuster, erfüllen religiöse Sehnsüchte und übernehmen vieles von dem, was früher Vorbilder und Heilige leisteten. Dabei zeigt sich, dass die neuen medialen Kultfiguren einst kirchlich gebundene Ressourcen abschöpfen. Die Grenzen zwischen außerkirchlichen Personenkulten und traditioneller Heiligenverehrung verschwimmen. Die Personenkulte bedienen sich ausgiebig christlichen Sprachmaterials und gleichen sich auch in ihren Formen, etwa mit ihrem Devotionalien- und Posterkult, an die traditionelle Heiligenverehrung an. In Videoclips der Pop-Ikonen - siehe die optisch inszenierte Quasi-Göttlichkeit von Michael Jackson im „Heal the World"-Video - finden sich zudem Bildwelten der alten Heiligenlegenden wieder.

Das Auffällige dabei ist: Der Medien-Heiligenschein, der Jackson gegenwärtig (wieder) umgibt, hat nicht nur mit seiner genialen musikalischen Leistung zu tun. Ausschlaggebend ist primär die eigene Image-Konstruktion: die vermeintlich ewige Kindlichkeit und das aus kommerziellem Kalkül bewusst geformte Bild vom „guten Menschen". Jacksons Musik war und ist ganz seinem multimedialen ästhetischen Erscheinungsbild untergeordnet, und es ist dieses von der eigentlichen Person abgelöste Bild, dem die Verehrung der Fans gilt. Die wieder aufgeflammte „Michael-Mania" offenbart letztlich, dass man in einer massenmedial geprägten Gesellschaft das „Bild" des Heiligen auf das mediale „An-Sehen" abstimmt. Die „Heiligkeit" des King of Pop entspringt dem Zusammenwirken zwischen der medial inszenierten Person und den projizierten Sehnsüchten der Fans. Maßgebend für diese „Heiligkeit" ist nicht die „heiligsprechende" kirchliche Institution, sondern das Identifikationspotenzial und die Anziehungskraft, die von der öffentlich inszenierten „Bildwerdung" ausgeht. Der heilige Status einer Person wird so immer mehr ein Index ihrer erfolgreichen Mediengängigkeit.

Michael Jackson war einer der letzten globalen Megastars. Er mobilisierte Menschenmassen und versammelte sie zu einer Kultgemeinschaft. Diese ist in der modernen Mediengesellschaft zersplittert und verspartet. In dem Maße, in dem sich die Massenmedien zusehends zu Individualmedien entwickeln, wird es immer schwieriger, einen massenattraktiven „Überflieger" aufzubauen, wie dies mit dem Mythos Jackson gelang. Der King of Pop arbeitete selbst an seinem eigenen Mythos, indem er versuchte, eine gewisse unerreichbare Nähe zwischen sich und seinen Fans aufrechtzuerhalten.

Doch der Tyrannei der Nähe und dem medialen Gleichheitsterror, in dem jeder mit seinen privaten Sorgen, Nöten und Macken als Nachbar von nebenan erscheint, konnte Jackson zunehmend nichts mehr entgegensetzen. Die alles durchdringende Medienstrategie der Intimisierung machte auch vor dem zeitweilig entrückt wirkenden King of Pop nicht halt. Die Boulevardpresse verwandelte Jacko, das musikalische Wunderkind und den Erfinder des „Moonwalk"-Tanzschritts, in den bizarren „Wacko", den gebleichten Freak, der im Sauerstoff-Zelt nächtigte, um seinen Alterungsprozess aufzuhalten, einen Affen namens Bubbles zum Freund hatte und ein Kinderwunderland errichtete, in dem er seine Unschuld verlor. Aus dem King of Pop wurde so ein bedauernswerter, gebrochener „König Einsam" (vgl. „Der Spiegel", 29. Juni 2009).

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1 Kommentar

Von am

michael jackson war nicht der erfinder des moonwalk, da es den schon seit den 40er jahren gab.

aber elvis presley und michael jackson haben sicherlich einmalige spuren in der musik-welt hinterlassen. mögen beide in frieden ruhen.

beide werden von ihren fans verehrt und beide werden wohl für immer unsterblich bleiben.

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