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Keine falsche Stärke vortäuschen: Die neuen Fälle von sexuellem Missbrauch werfen Fragen auf

Von Wunibald Müller Quelle: Herder Korrespondenz 64. Jahrgang (2010), Heft 3, S. 119-123

Die neuen Fälle von sexuellem Missbrauch werfen Fragen auf : "Keine falsche Stärke vortäuschen" [Auszug]

In den vergangenen Wochen hat das Bekanntwerden mehrerer Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Jesuiten die katholische Kirche in Deutschland erschüttert. Gibt es Zusammenhänge zwischen Homosexualität und Pädophilie, dem Zölibat und sexuellem Missbrauch durch Priester? Was muss über die seit 2002 vorliegenden Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz hinaus getan werden?

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Die jüngsten Berichte über sexuellen Missbrauch im Orden der Jesuiten haben gezeigt, dass das Thema längst nicht, wie vielfach erhofft, vom Tisch, sondern nach wie vor sehr aktuell ist und viele Fragen aufwirft.

Eine dieser Fragen ist: Wie ist es zu erklären, dass, auch wenn über 90 Prozent der Fälle von sexuellem Missbrauch in der Familie und Verwandtschaft stattfinden, dieses Fehlverhalten unter Priestern sich nicht auf einige wenige beschränkt, sondern bis zu vier Prozent des Klerus betrifft?

Der erste Risikofaktor besteht darin, ein Mann zu sein. Auch wenn es immer wieder sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Frauen gibt, so sind es vorwiegend Männer, die Minderjährige sexuell missbrauchen. Der zweite Risikofaktor sind sexuell unreife erwachsene homosexuelle oder bisexuelle Männer. Immer wieder wird daher die Frage gestellt, ob es einen Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität gibt. Um diese Frage beantworten, kann es hilfreich sein, zunächst einmal zu unterscheiden zwischen Pädophilie und Ephebophilie. Von Pädophilie spricht man, wenn sich jemand von 13-jährigen und jüngeren Kindern, von Ephebophilie, wenn sich jemand von Jugendlichen im Alter von etwa 14 bis 17 Jahren sexuell angezogen fühlt beziehungsweise mit Kindern oder Jugendlichen dieses Alters sexuelle Kontakte unterhält.

Unter den Priestern, die Minderjährige missbrauchen, gibt es pädophil und ephebophil veranlagte. Aus einer Umfrage, die unter den US-amerikanischen Diözesen durchgeführt wurde - dem so genannten John Jay Report - geht hervor, dass 40 Prozent der Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester Kinder oder Jugendliche im Alter zwischen 11 und 14 Jahren waren und es sich bei über 80 Prozent der Opfer um männliche Kinder beziehungsweise Jugendliche handelte. Bisherige Untersuchungen sprachen davon, dass es sich bei den Tätern vor allem um ephebophile Priester handelt, glaubt man dem erwähnten John Jay Report muss man aber davon ausgehen, dass der Anteil der pädophilen Priester doch größer ist als bisher angenommen. Dass es sich bei den Opfern überwiegend um Jungen handelt, wird dagegen auch durch den John Jay Report bestätigt.

Bei der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität gibt, ist weiter zu bedenken, dass nach Untersuchungen aus den USA dort bis zu 30 Prozent der katholischen Priester und Ordensleute homosexuell sind. Auch wenn man nach meiner Einschätzung, was Deutschland, Österreich oder die Schweiz angeht, nicht von einem so hohen Prozentsatz ausgehen kann, dürfte der Anteil an homosexuellen Männern unter den katholischen Priestern in diesen Ländern deutlich über dem Durchschnittsprozentsatz von rund fünf Prozent, der für die Gesamtbevölkerung angenommen wird, liegen.

Kann man daraus jetzt schlussfolgern, dass homosexuelle Priester in besonderer Weise anfällig sind für pädophiles oder ephebophiles Verhalten? Generell kann man das so nicht behaupten. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass der Anteil sexuell unreifer homosexueller Priester überdurchschnittlich hoch ist und diese Gruppe von sexuell unreifen homosexuellen Priestern für pädophiles oder ephebophiles Verhalten besonders anfällig ist. Diese homosexuellen Priester haben die notwendige Auseinandersetzung mit ihrer Sexualität und Homosexualität, die auch zu einer Annahme ihrer homosexuellen Veranlagung führen sollte, unterlassen. Die Folge davon ist, dass ihre sexuelle Entwicklung auf der Strecke geblieben ist und die Gestaltungsfähigkeit ihrer Sexualität beeinträchtigt bleibt. Diese Vermeidungshaltung dürfte durch eine nach wie vor vorhandene Tabuisierung von Homosexualität im kirchlichen Kontext noch verstärkt werden. Daneben gibt es unter den homosexuellen Priester viele, die sehr wohl in der Lage sind, auf eine reife Weise und verantwortungsvoll mit ihrer Sexualität umzugehen.

Ein dritter Risikofaktor, der bei homosexuellen und heterosexuellen Priestern, die Minderjährige sexuell missbrauchen, nachweisbar ist, sind Defizite im Bereich der Fähigkeit zur Intimität und zu innigen Beziehungen. Reife Intimität zeigt sich in der Fähigkeit, sich auf einer tiefen Ebene über Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen austauschen und sich in die jeweilige andere Person einfühlen zu können.

In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder die Frage gestellt, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester und dem Zölibat. Eine direkte Verbindung zwischen Zölibat und sexuellem Missbrauch in dem Sinne, dass der Zölibat die Ursache für sexuellen Missbrauch Minderjähriger ist, lässt sich nicht nachweisen. Wer pädophil veranlagt ist und seine Veranlagung ausleben möchte, den schützt weder der Zölibat noch die Ehe davor, das zu tun.

Der Zölibat oder eine verzerrte Vorstellung von Zölibat kann aber die Fähigkeit, sich mit der eigenen Sexualität auseinander zu setzen und sich dem Prozess zu stellen, der zur Beziehungsfähigkeit führt, erschweren oder gar verhindern. Das trifft vor allem auf Priester zu, die in ihrer sexuellen Entwicklung stehen geblieben sind und die den Zölibat in dem Sinne missverstehen, dass sie meinen, sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinander setzen zu müssen. Das eigentliche Problem ist hier eine emotionale - und da auch sexuelle - Unreife, die sich dann auch in der Unfähigkeit zu echten Beziehungen und zu echter Intimität zeigt.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass es Bischöfe und Verantwortliche gibt, die es sich zu leicht machen, wenn sie sich darauf beschränken, den Priester, der Minderjährige sexuell missbraucht, einfach zu suspendieren und nicht länger bereit sind, die Verantwortung für die betreffende Person zu übernehmen. Diese Verantwortung wird dann im Grunde genommen der Gesellschaft überlassen. Hier muss man Wege finden, um einerseits Kinder und Jugendliche zu schützen und andererseits dem betroffenen Priester gerecht zu werden.

Eine solche Vorgehensweise setzt aber voraus, dass die von der Deutschen Bischofskonferenz im Jahre 2002 verabschiedeten Leitlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche", die klar regeln, was im Falle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester für die Opfer getan und wie mit den Tätern umgegangen werden soll, ernst beziehungsweise ernster genommen werden. Wo sie angewandt wurden, haben sie sich insgesamt bewährt. Das gilt vor allem dann, wenn der eigens dafür bestimmte Ansprechpartner einer Diözese und sein Arbeitsstab mit einbezogen werden.

Bei einer notwendigen Überarbeitung dieser Leitlinien muss meiner Ansicht nach klarer zur Sprache kommen, dass die vom Bischof beauftragte Person, die den Vorwurf sexuellen Missbrauchs prüft, jemand sein sollte, der das Vertrauen des Bischofs genießt, aber nicht zur Leitung einer Diözese gehört. Die Einrichtung eines Arbeitsstabes und dessen Einbeziehung bei der Vorgehensweise sollte nicht nur eine Kann-Bestimmung, sondern eine Muss-Bestimmung sein.

Dadurch wird verhindert, dass „die Fälle" dann doch wieder nur im internen Kreis verhandelt werden und das in dieser Situation so wichtige Fachwissen, die Beleuchtung aus verschiedenen Blickwinkeln, aber auch die mitunter notwendige Korrektur und kritische Rückmeldung durch psychologische, pädagogische und juristische Fachleute, darunter hoffentlich auch Frauen, zu kurz kommen. Ein solcher Arbeitsstab sollte neben den Ad-hoc-Treffen regelmäßig zusammenkommen. Es soll Bistümer geben, in denen es zwar diese Arbeitsstäbe gibt, sie aber so gut wie noch nie einberufen wurden.

Bei einer Überarbeitung der Leitlinien sollten weiter die Zuständigkeit der Bischofkonferenz verstärkt, die Vernetzung der diözesanen Beauftragten, deren Schulung und Austausch auf Bundesebene geklärt und einige kirchenrechtliche und staatskirchenrechtliche Unstimmigkeiten bereinigt werden. Darüber hinaus wäre es höchste Zeit, dass es bei der Deutschen Bischofskonferenz einen kompetenten Ansprechpartner gibt, der für den ganzen Bereich sexuellen Missbrauch in der Kirche zuständig ist, die Arbeit der diözesanen Beauftragten und ihrer Arbeitsstäbe koordiniert, den Austausch mit entsprechenden Einrichtungen anderer Bischofskonferenzen - zum Beispiel in den USA oder Kanada - und dem Vatikan pflegt, die wissenschaftliche Entwicklung in diesem Bereich verfolgt und vor allem auch als Sprachrohr nach außen - sprich für die Öffentlichkeit und hier insbesondere die Medien - zur Verfügung steht.

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Wunibald Müller

Autor: Wunibald Müller

Wunibald Müller (geb. 1950) ist promovierter Theologe und psychologischer Psychotherapeut. Er leitet seit 1991 das therapeutisch-spirituelle Zentrum „Recollectio-Haus“ in Münsterschwarzach.

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