Menu Suchen

„Schwule Lobby“: Katholischer Klerus und Homosexualität

Von Klaus Mertes Quelle: Herder Korrespondenz 67. Jahrgang (2013), Heft 8, S. 389-392

Katholischer Klerus und Homosexualität: : „Schwule Lobby“ [Auszug]

Spätestens seit dem Vatileaks-Bericht ist davon die Rede, dass es im Vatikan „homosexuelle Netzwerke“ gebe. Allerdings geht es bei dem auch von Papst Franziskus verwendeten Begriff nicht um eine „schwule Lobby“ im Sinne einer organisierten Verschwörung finsterer Subjekte, die genau wissen, was sie wollen. Das Problem ist schärfer.

0

Spätestens seit der Fertigstellung des Untersuchungsberichts über „Vatileaks“, den Benedikt XVI. in Auftrag gab, kursiert in der katholischen Kirche das Wort von den „homosexuellen Netzwerken“ in der Kurie und in der Kirchenleitung. Papst Franziskus hat das Stichwort der Sache nach in einem Gespräch mit den Oberen der Frauen- und Männerorden von Lateinamerika aufgegriffen - der Inhalt des Gespräches wurde bisher vom Vatikan nicht dementiert. Er spricht von einer „schwulen Lobby“ in der Kurie, von der die Rede sei, und bekräftigt, dass es sie tatsächlich gibt. Damit wird von höchster Stelle bestätigt, was in der Kirchenberichterstattung der letzten Jahre immer wieder Thema war: Die Kirche habe ein besonderes Problem mit Männerbünden im Klerus - wobei nicht ausgeschlossen ist, dass diese auch mit nicht-klerikalen Kreisen vernetzt sind.

Mit der Männerbündigkeit entwickelt der Klerus auch eine frauenfeindliche Außenseite. Er strahlt eine gegenüber Frauen exklusive Atmosphäre aus. Das Exklusive macht ihn für die einen attraktiv, für die anderen, insbesondere für die Frauen zum Problem. In der Kirchenleitung scheint sich nun immer mehr die Erkenntnis durchzusetzen, dass die Männerbündigkeit des Klerus ein Problem für die ganze Kirche ist. Anders ausgedrückt: Man kann vermutlich über „schwule Lobbys“, wenn man schon bei diesem Begriff bleiben will, in der Kirche nicht reden, ohne die Frauenfrage mit anzusprechen.

David Berger veröffentlichte im Sommer 2010 ein Buch mit dem Titel „Der Heilige Schein“, das bis heute in der Kirche auf lautes Schweigen stößt, vielleicht gerade deswegen, weil hier ein katholischer und zugleich bekennend schwuler Theologe beschreibt, wie er die Männerbündigkeit in der Kirche konkret erlebt hat (vgl. HK, Juli 2011, 323). Man muss nicht mit allen Schlussfolgerungen des Autors einverstanden sein, um nicht doch die Konsistenz der Beobachtung anerkennen zu können - auch vor dem Hintergrund von Erfahrungen, die andere aus den Männerbünden der Kirche berichten.

Dazu gehört auch die banale Erkenntnis: Man kann aus der Tatsache, dass ein Kleriker besonders heftig gegen Homosexualität und Homosexuelle polemisiert, nicht schließen, dass er selbst heterosexuell ist. Im Gegenteil. Die härteste Homophobie kommt von denjenigen, die ihre eigene Homosexualität verleugnen, vor anderen oder gar vor sich selbst. Ob dahinter Naivität oder Dreistigkeit steckt, mag man im Einzelfall entscheiden. Wenn männerbündisch strukturierte Kämpfer gegen die „Homo-Lobby“ zum Kampf blasen, ist in der Regel „Unterscheidung der Geister“ angesagt (zum Begriff „Unterscheidung der Geister“ vgl. Ignatius von Loyola, Exerzitien, Nr. 313 ff.).

Bei vielen aufmerksamen Beobachtern haben der Vatikan und die Kirchenleitung in den letzten Jahre vermehrt den Eindruck hinterlassen, es spielten bei ihrem Kampf gegen „Homo-Lobbys“ nicht nur, aber auch zwei Typen von abgespaltener Homosexualität männerbündisch zusammen: Die einen, die sich ihrer sexuellen Orientierung nicht bewusst sind, und die anderen, die sich ihrer bewusst sind. Die Letzteren werden von den Ersteren getragen. Anders ist es nicht zu verstehen, warum diffamierende rechtskatholische Internetportale mit ihrer erbärmlichen homophoben Sprache bis in höchste Kreise der Kirchenleitung so viel Gehör und Unterstützung gefunden haben und auch noch finden.

Meist ein sehr frommes Vokabular

Es geht bei dem von Papst Franziskus verwendeten Begriff nicht um eine „schwule Lobby“ im Sinne einer organisierten Verschwörung finsterer Subjekte, die schwul sind und genau wissen, was sie wollen. Das Problem ist schärfer: Es gibt Bünde im Klerus, die sich untereinander sehr wohl fühlen, sich in dem männergeprägten Umgangsstil gegenseitig verstehen und sich die Bälle zuspielen. Sie verteilen untereinander Titel, Posten und Zugänge. Es mag unter ihnen auch einige geben, die wissen, was sie tun; die ein dezidiertes Doppelleben führen; die gezielte machtstrategische Spiele spielen - bei denen es allerdings nicht um dieselben Ziele geht wie die der von ihnen angeprangerten „Homo-Lobby“. All dies geschieht mit einem tief sitzenden Unverständnis dafür, dass es andere in derselben Kirche gibt, die sich an dieser Form der Verbündung und Interessenvertretung stoßen, zumal sie meist mit sehr frommem Vokabular daherkommt.

Papst Franziskus hat am Gründonnerstag 12 Strafgefangenen die Füße gewaschen, darunter zwei Frauen. Die Empörung, die seither diesem Papst entgegenweht, entspringt genau dem Geist, der in den klerikalen Männerbünden gepflegt wird. Offensichtlich hat diese schlichte Geste des Papstes die „schwule Lobby“, oder besser gesagt: die „Männerbünde“ in der Kirche besonders getroffen. Papst Franziskus wird sich hoffentlich nicht einschüchtern lassen. Die Männerbünde entmachtet man am einfachsten dadurch, dass man einfach das macht, wovor sie am meisten Angst haben: Sich öffnen, an die Ränder gehen, den Stallgeruch der Schafe annehmen. In der ignatianischen Tradition heißt das ganz einfach: agere contra.

0

0 Kommentare

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

* Diese Angaben benötigen wir von Ihnen: Ihre E-Mail-Adresse zeigen wir nicht an.
** Wenn Sie nicht möchten, dass Ihr Name angezeigt wird, wählen Sie bitte zusätzlich einen Anzeigenamen, den wir dann anstelle Ihres Namens veröffentlichen.

Herzlich Willkommen!

Sie nutzen den Internet Explorer in einer veralteten Version. Ihr Browser kann unsere Website leider nicht korrekt darstellen. Bitte aktualisieren Sie auf eine neuere Browser-Version.