„Wim Wenders in Cannes“, das ist keine Sensation, wo sich doch der Regisseur von „Paris, Texas“ und „Der Himmel über Berlin“ in seinem Spätwerk mit „Salz der Erde“ und „Pina“ noch einmal zum Meister des Dokumentarfilms gemausert hat. Doch „Wim Wenders präsentiert seinen neuen Papstfilm in Cannes“, diese Schlagzeile hätte man in den vergangenen Pontifikaten für eine Ente gehalten.

Doch er hat es wirklich getan: Wim Wenders hat einen Film über „Franziskus. Den Mann seines Wortes“ gedreht. Der bisweilen pastorale Unterton des Regisseurs, der sich deutlich in „Land of Plenty“ gezeigt hatte, und die Medien- und Menschenfreundlichkeit von Papst Franziskus passen so gut zusammen, dass nun ein Film in die Kinos kommt, dessen flow und Faszination man sich kaum entziehen kann.

Und es ist tatsächlich eine Bilderflut, die sich über den Zuschauer 90 Minuten lang ergießt. Schön, informativ, anrührend, begeisternd. So gut komponiert und geschnitten, mit so bewegender Musik unterlegt, dass man gar nicht wegschauen kann (und will) und am Ende etwas verkatert fragt: Bin ich hier wirklich dem Papst begegnet, seiner Intention, seiner kirchenpolitischen Sendung oder doch eher der Film-Kunst seines Fans Wim Wenders auf den Leim gegangen, der bisweilen auch vor dem Kitsch von Sonnenuntergängen und Patti-Smith-Songs nicht zurückschreckt?

Der Film wechselt in schöner Regelmäßigkeit, aber ohne strenge Einteilung zwischen Originalaufnahmen von markanten Auftritten des Papstes, einem etwas skurrilen von Wenders gedrehten Schwarz-Weiß-Stummfilm über den heiligen Franziskus und Aufnahmen aus konzentrierten Interviews ab. Wir sehen bis heute heiß diskutierte Stationen seines Pontifikates: Seine Präsentation nach dem Konklave („buona sera“), die weihnachtliche Gardinenpredigt vor der Kurie 2014 über die Krankheiten der Kirche – eindrücklich die entgeisterten und bestürzten Gesichter der Kardinäle –, das Interview im Flugzeug „Wer bin ich, über homosexuelle Menschen zu urteilen?“; wir sehen ihn auf Lesbos und Lampedusa, nach dem Super-Hurrikan Haiyan auf den Philippinen, bei Massenauftritten am Altar und im Papamobil in Brasilien, und wir hören Off-Kommentare, die eine klare Linie vorgeben: „Dieser Papst ist als ganzer Mensch, mit seinem ganzen Leben eine Predigt. Er ist der Hirte der ganzen Welt, einer Welt, die ihn bitter nötig hat.“

Der Film ist thematisch eher lose strukturiert in drei oder vier Kapitel: Der Umgang der Menschen mit der Schöpfung und die Enzyklika „Laudato Si“ (der „historische“ Franziskus zitiert dazu den kompletten Sonnengesang, und auf der Frontseite der Peterskirche erscheinen zauberhaft-projizierte Bilder zum Klimawandel), das Zusammenleben der Menschen, Mann und Frau, Familie und ein ungerechtes Wirtschaftssystem, Flucht und Migration. Dialog und Begegnung der Religionen (der „historische“ Franziskus reist zu Sultan Al-Kami). Wenders bringt die gesamte Rede aus Yad Vashem, dazu Bilder vom Papst-Besuch in Auschwitz. Franziskus betet an der Westmauer und am Schutzwall zur Westbank rund um Jerusalem.

Bilder und Musik unterstützen dabei und brennen ins Gedächtnis der Zuschauer jene Sätze ein, um die es Wenders und Franziskus zentral zu gehen scheint: „In einer Kirche des Reichtums ist Jesus nicht – eine solche wäre nichts anderes als eine NGO.“ „Eine Welt ohne Hilfe, Rat und Führung von Frauen kann sich nicht weiterentwickeln.“ „Ich frage Eltern: Spielen Sie mit Ihren Kindern? Vertrödeln Sie Zeit mit ihnen?“ Über den Islam: „Wir sind Brüder und voll Respekt vor Gott. Niemals dürfen wir einander zu bekehren versuchen.“ Und beim Weltgebet des Friedens in Assisi: „Was uns alle eint, ist die Liebe Gottes zu uns“.

Doch Franziskus weiß auch zu schweigen, etwa beim Gottesdienst auf den Philippinen mit Tausenden von Hinterbliebenen einer Naturkatastrophe. Da fehlen auch ihm die Worte, da gibt es keine billigen Vertröstungen: „Ich habe keine Worte für Euch, ich kann nur mit Euch schweigen, mit Bruder Jesus.“

Allen Unkenrufen zum Trotz: Dieser Papst passt nicht nur in unsere Zeit, er hat auch etwas zu sagen, in großer Schlichtheit und Dringlichkeit, aus der Mitte des Evangeliums und der kirchlichen Tradition. Wim Wenders hat eine erste Summe des bemerkenswerten Pontifikats für die Armen gezogen.