Das Unfassbare an der katholischen Kirche und zugleich das eigentlich Unmögliche ist das Zusammengehen von Glaube und Macht, von Individuum und Institution, von Freiheit und Bindung, von Wahrheitssuche und Wahrheitsgewissheit. Die Causa Wucherpfennig berührt exemplarisch diese Widersprüchlichkeit der Kirche. Es ist dringend erforderlich, hier genauer hinzusehen (vgl. dieses Heft, 11–12).

Zunächst ist da die Frage des Verhältnisses von Wissenschaft und Lehre. Für ein säkulares Verständnis von Studium und Erkenntnis ist es schwer erträglich, dass römische Behörden die Unbedenklichkeit eines Hochschullehrers bescheinigen müssen. Die Freiheit der Wissenschaft scheint hier schon per se eingeschränkt durch die bestehenden Regeln. Man kann also mit Argumenten dieses Konstrukt angreifen. Aber leugnen, dass es derzeit existiert und mit Recht angewendet werden kann, kann man schwerlich.

Die zweite Frage nach dem Verhältnis von Institution und Theologie schließt sich an. Was wäre eine katholische Theologie ohne eine durch das Nihil-obstat-Verfahren garantierte Anbindung an die vatikanische Weltkirchenzentrale? Liegt nicht auch ein Reiz darin, sich als besondere Wissenschaft in unbedingter Weise an die Glaubensgemeinschaft zu binden? Nur so ergibt sich die herausgehobene Wechselwirkung und Relevanz, die kaum eine andere Wissenschaft kennt. Zudem bedeutet die Abhängigkeit von Heiligem Stuhl und Ortsbischöfen aufgrund der Staatskirchenverträge auch Bestandsschutz für die theologischen Hochschulstandorte.

Doch eine kirchliche Autorität, die schematisch allein den Katechismus als Lackmustest für passable Hochschullehrer anwendet, muss in Schwierigkeiten geraten. „In einer multiperspektivischen Welt kann die Kirche sich nicht auf das formal Bestimmte allein berufen, um Glaubwürdigkeit zu erreichen“, hat der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck formuliert (vgl HK, März 2016, 6). Ob die römischen Behörden ihre Rechte im Fall von Ansgar Wucherpfennig klug genutzt haben, kann bezweifelt werden. Gleiches gilt für das Agieren von Kardinal Rainer Maria Woelki bei einer Lehrstuhlbesetzung an „seiner“ Bonner Fakultät.

Dies führt unmittelbar zur dritten Frage, die der Lehre. Wer glaubt, im Umgang mit Homosexualität in eine Situation der Eindeutigkeit zurückgelangen zu können, der täuscht sich selbst über eine vermeintlich eindeutige Vergangenheit und Gegenwart, er vernebelt sich zudem selbst den Blick in die Zukunft. Die Zukunft der Kirche, die Wirkung der christlichen Botschaft, darf nicht auf solche Fragen verengt werden. Selbstverständlich kann und muss es hier Entwicklungen geben können. Zumindest muss eine Hierarchie der Wahrheiten möglich sein. Auch das ist sehr katholisch. Overbeck schreibt: „Das dafür nötige Vertrauen wird nämlich geschenkt, es kann nicht eingefordert werden. Heute, wo die Selbstverständlichkeiten schwächer werden, kommt es mehr denn je auf den Glaubenssinn der Christen an.“