Herr Roth, Sie sind vor allem mit Ihrer Christus-Trilogie einem breiteren Publikum bekannt geworden. Worin liegt für Sie als Schriftsteller der Reiz, sich mit biblischen Stoffen auseinanderzusetzen beziehungsweise sich von diesen Traditionen anregen zu lassen? Was beschäftigt Sie da besonders?

Roth: Es gibt für mich eigentlich keine anderen Texte. Was mich an der Bibel fasziniert, sind ihre Bilder, die letztlich aus dem Unbewussten kommen und die sich heute in unseren Träumen, natürlich in Variation, wiederereignen. Zumindest gilt das, wenn wir aufmerksam sind, hinschauen und sie genau verfolgen. Es ist doch von enormer Bedeutung, dass Bilder, manche bereits vor 2700 Jahren fixiert, von der Psyche aus gesehen heute noch ebenso aktuell, also „wirksam-wirklich“ sind.

Also ganz im Sinne einer anthropologischen Konstante?

Roth: Ja. Mich interessiert eigentlich nur die Beziehung des Menschen zu einem – sagen wir es ganz neutral – Unendlichen, einem Höchsten. Dieser höchste Wert, dieses Unendliche transzendiert den Menschen dann im Sinne eines Übersteigens und bezieht ihn dadurch auf ein Anderes, dem er dient. Literatur, die die Dimension eines solchen Bezogenseins nicht berührt, nicht dramatisiert, sie nicht in irgendeiner Form – über Charaktere, den Plot oder den Erzähl-Sinn – thematisiert und damit: weiter-lebt, sie spähend-forschend erweitert, lässt mich kalt. Es reicht mir letztlich nicht, momentan fasziniert zu sein – von einem wunderbaren Ereignis oder einer bestimmten Technik –, wenn diese Technik die Sicht auf den Sinn unberücksichtigt lässt.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Roth: Nehmen Sie das Filmwerk von Alfred Hitchcock. Dieser Regisseur hat alles, jene Dimension eines unendlichen Aspekts des Unbewussten visuell zu vermitteln. Und doch hat er letztlich keine Ahnung von dem, was Träume wirklich sind. Er kennt sie, ist fasziniert, aber über ihren Sinn weiß er nichts. Er benutzt sie. Für ihn sind sie Thrill, sie dienen dem emotionalen Plot, letztlich: dem Entertainment. Hitchcock wollte nie über dieses Maß hinaus, seine Inszenierungen sind ihm in dieser Hinsicht gelungen – deshalb auch mit Recht zu genießen. Aber irgendwann merkt man, möglicherweise auch erst ab einem bestimmten Alter, dass uns etwas an Hitchcocks „slices of cake“ leer und unbefriedigt zurücklässt. Nach dem wunderbaren Auffahren seiner Technik, seiner uns perfekt beherrschenden kinematischen Mittel, bleibt etwas leer – weil der Plot sich nicht auf ein Höheres beziehen kann als den erzählerischen Gimmick, den der Meister eingebaut hat. Eine Ausnahme, großartige Sekunden lang, ist die Szene in „Der falsche Mann“, als sich uns aus dem Gebet Henry Fondas das Bild seines Doppelgängers nähert.

Im Unterschied dazu also die Bibel. Was hat Sie an der Person Jesus von Nazareth gereizt, dass Sie sich ihr gleich mit drei Romanen literarisch angenähert haben?

Roth: Es war ein Traum – ich nenne ihn den „Quelltraum“ –, der Ende der Siebzigerjahre so gewaltig einschlug, dass er alles, was ich bis dahin realiter erlebt hatte, in den Schatten stellte. Über ihn selbst darf ich nicht reden. Aber letztlich war er der Erfahrungsgrund, auf dem die Christus-Trilogie später entstand.

Offensichtlich gibt es bei Ihnen eine Resonanz auf religiöse Fragestellungen und die spezifische Art der Thematisierung von Wirklichkeit. Hilft eine religiöse Disposition beim Schreiben?

Roth: Es handelt sich – das wäre meine Definition einer „religiösen Disposition“ – um eine Einstellung, die auf die Bilder des Unbewussten genau achtet und in ihnen den Sinn sucht. Das Ringen mit dem Engel am Jabbok ist das archetypische Bild dafür, letztlich: das Ringen um den Sinn. Denn das ist der „Name“, der gewonnen wird. Der richtungsweisende Sinn eines Bilds, das wir nicht gemacht haben, das uns aber anvertraut wurde – im Traum oder einer Vision oder einem Einfall. Entscheidend ist nun der Sinn religiöser Disposition selbst. Und der fragt: Wie handelst du nun? Wie führst du mein Bild aus dem Kopf in den Alltag gelebten Lebens? Diesen entscheidenden Schritt lassen wir oft aus, bleiben fasziniert in der Vision hängen, gar an ihrer Ästhetik! Aber Jakob realisiert ihn, am Morgen schon – mit aufgehendem Bewusstsein.

Was heißt dieser Zugang für Ihre Art zu schreiben? Wie muss man sich den Schreibprozess vorstellen?

Roth: Was das Arbeiten betrifft, geht es oft um Mikrosekunden, in denen man entscheiden muss, in welche Richtung man weitergeht, welche Bilder man weiter verfolgt. Eine religiöse Disposition schärft das Achten auf die innere Stimme, die durchaus widersprechen, in eine ganz andere Richtung gehen kann. In meinem Buch „Die amerikanische Fahrt“ gibt es einen Text dazu: „Der Stimmenbrunnen“. Wie oft möchte man über diese kleine störende Stimme im Hintergrund einfach hinweggehen – und begeht ichmächtig den Fehler, sie unerhört zu lassen. Man sollte sich aber mit ihr auseinandersetzen. Sie ist, recht betrachtet, ein Geheimnis: die „soror mystica“ des Opus: Du arbeitest nicht allein. Etwas allgemeiner betrachtet, gehe ich also davon aus, dass der Aufgabe, die mir von innen – manchmal auch von außen – gegeben wird, ein Sinn zugrunde liegt. Manchmal scheint mir: Er lag schon immer da, ungesehen nur und unerhört. Oft aber auch: dass er durch die Suche gewachsen, durch sie überhaupt erst entstanden ist. Mein Suchen und das jener Stimme-des-Unbewussten, unsere gemeinsame Suche nach Sinn wäre dann geheimnisvoll identisch mit dessen Zeugung, einer sich in der Psyche des Individuums ereignenden mikrokosmischen Schöpfung.

Gibt es da bei Ihnen von früh auf entsprechende Prägungen? Denken Sie so von Kindesbeinen an oder gab es eine Art Erweckungserlebnis, irgendein Ereignis in ihrer Lebensgeschichte, nach dem sich das so verdichtet hat?

Roth: Das Interesse am religiösen Bild muss bei mir schon relativ früh da gewesen sein. Ich habe auch den Religionsunterricht immer geliebt, hatte enormes Glück mit den Lehrern. Ich erinnere mich – es war wohl in den letzten ein, zwei Jahren vor dem Abitur – an einen jungen Kaplan … Josef Schildknecht hieß er. Man ließ katholische und evangelische Schüler gemeinsam von ihm unterrichten. Und was für ein Unterricht! Spannender ging’s nicht. Er sprach uns von Feuerbach, Marx, dann von Freud. Er hat die Texte immer mühsam auf Matrizen abgezogen. Frischbrötchenwarm und triefend-blau waren sie noch, wenn er sie an uns verteilte. Sie waren oft voller Tippfehler. Aber ihm und uns war’s egal: weil es ja um die Sache ging, ein Faszinosum. Diesen Geist, mit dem er die Texte aushändigte, haben wir zu spüren bekommen. Ich erinnere mich noch gut an einen Moment: Er schritt die ganze Länge der Tafel ab und zog dabei mit ausgestreckter Hand – ein wenig wie ein Kind, das im Lauf eine Hauswand verschmiert – einen langen Kreidestrich durchs Schwarz unserer Tafel, das heißt: durch die gesamte Welt unserer Vorstellung, und teilte sie in zwei Teile. Und er gab ihnen Namen und sprach: „Das ist das Bewusste. Und das …“ – der weitaus größere Teil – „das Unterbewusste.“ Als Freudianer sprach er vom „Unter-Bewussten“. Egal. Das war für mich ein entscheidender Moment. Ich las daraufhin Freud, auch seinen Aufsatz über „Das Unheimliche“ – der mir den bewunderten „Sandmann“ E. T. A. Hoffmanns nur noch unheimlicher werden ließ. Ich war hingerissen, nicht nur von der literarischen Sensibilität Freuds, besonders auch von seiner Aufmerksamkeit fürs Etymologische. Von unserem Altgriechisch-Lehrer waren wir schon darauf trainiert, Etymologien nachzuforschen, Ältestes also bis ins Heutige hinauf zu verfolgen – und umgekehrt. Und was ist die Etymologie anderes als die Forschung nach dem „Unter-Bewussten“ des Worts. Wo kommt das Wort her? Was für Schichten schwingen also unbewussterweise mit, wenn wir es aussprechen? Wie hat sich das Bewusstsein an den semantischen Verästelungen eines Worts ausdifferenziert? Da ist das Muster einer Sinnsuche schon eingebaut.

Was können Sie als Schriftsteller, der ja wesentlich mit Sprache und Schrift arbeitet, an diesem Punkt aber überhaupt leisten? Egal ob man jetzt in einer mehr psychologischen Diktion auf das Unbewusste oder mehr religiös akzentuiert auf das Absolute schaut: Müssen Sprache und Schrift nicht immer wesentlich hinter dem zurückbleiben, was eigentlich thematisiert werden soll?

Roth: Natürlich ist es nicht mein Ziel, einfach ins Unbewusste zu fallen, um es in irgendeiner Weise darzustellen. Es kommt mir vielmehr darauf an, den schmalen Grat zu schaffen, der noch begehbar ist und zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten vermittelt. Auf diesem Grat geht meine Sprache. Auf ihm zieht sie nicht nur Bilder aus dem Dunkel des Unbewussten an und kann sie binden; auch die Ratio – unser verstandesmäßiges, durchaus auch auf die griechische „téchne“ aufbauendes Denken – wird von diesem Sprachgrat angezogen. Dieser Grat ist der Ort der Vereinigung der Gegensätze. Die Ratio kommt, das Bild nicht nur zu verstehen – im schlimmsten Falle: es rational auszutrocknen –, sondern: es in seinem Geheimnis fassen, betrachten, meditieren zu können. Nein, nicht zu „fassen“ – es zu berühren. Der „archaisierende Ton“ meiner Werke ist die Bewegung auf diesem Grat. Es geht dabei wohl um einen Ton, der einerseits vom Unbewussten gefärbt ist, gleichsam noch seine Farbe trägt, so dass es sich angeregt, anerkannt fühlt, gleichzeitig aber auch vom Bewusstsein des Lesers verstanden wird, genug jedenfalls, die Stimme, die ihm da zuspricht, auch rational mit zu bedenken.

Was leistet das Erzählen, etwa in fiktiven Texten, im Unterschied zu einer direkten Beschreibung oder gar einer philosophischen Reflexion auf die Wirklichkeit? Gibt es da irgendeinen nennenswerten Mehrwert?

Roth: Wenn ich von der Jung’schen Differenzierung der menschlichen Psyche in vier Grundfunktionen ausgehe – also von: Denken, Fühlen, Intuition und Empfinden –, decken „philosophische Reflexion“ und „direkte Beschreibung“ meist nur zwei dieser vier Funktionen ab: nämlich das Denken und die sogenannte „fonction du réel“: das Empfinden, die sinnliche Wahrnehmung. Es sind also die sonst weniger oder überhaupt nicht aktivierten psychischen Funktionen – das Gefühl und die Intuition –, die beim literarischen Erzählen hinzukommen. Dieser Mehrwert käme meiner Meinung nach aber nur zustande, wenn im Laufe eines größeren Textes alle vier Funktionen erregt und letztlich in eins verschmolzen werden: zu einer psychisch umfassenden Erfahrung. Der Leser wäre dann mitgerissen – aber eben nicht nur momentan. Eine Prägung hätte stattgefunden. Das geht dem Autor in gewissen Phasen des Schreibens ebenso. Er wird geschrieben. So eine Phase geht bis ins Physisch-Körperliche hinein. Dann muss es natürlich auch irgendwann zu einer wertenden Phase kommen, in der Gefühl und Reflexion zu Wort kommen: was denn eigentlich gerade geschehen ist, warum es geschehen sein könnte, was es bedeutet, und wohin das Geschehnis mit einem will. Ich habe in meinem Roman „Sunrise“ darauf geachtet, dass der Leser bei der Reifung des Protagonisten Joseph mitwächst, mitreifen kann an gemachter Erfahrung. An sich ist Lesen ja ein völliges Kopfereignis. Literarische Erzählungen aber sollten in die Knochen fahren. In ihnen sollte etwas fühlbar werden von der Sehnsucht des Worts nach Inkarnation.

Wo stößt das Ästhetische auf Grenzen? Was kann die Sprache nicht mehr leisten?

Roth: Das ist schwer zu sagen. Die Sprache ist insofern unbegrenzt, als Sprache ohne den Rezipienten nicht denkbar ist. Ich kann, genauer betrachtet, nicht trennen, was die Sprache schon mittransportiert und was sie auslöst im Leser. Insofern ist die Sprache im Sinne der Oberfläche einer Kugel unendlich: Sie kommen nicht an ein „Ende“. Von anderem Standpunkt aus ist sie als Sphäre begrenzt. Wo ich sprachlich an eine Grenze komme, verbrenne ich mir aber wenigstens die Finger. Diesen Beweis der Wirklichkeit eines Unnahbaren sollte die Sprache tragen, zurücktragen auch in den Leser, der gefolgt ist. Denken Sie an die Szene in „Corpus Christi“, an Tirza im Grab Jesu. Bei der Arbeit geriet ich an eine Grenze, als ich dies und jenes beschreiben wollte. Von Träumen wurde es mir verboten. Es war ein „Don’t go there!“ Das kam in einem Ton, dass ich nicht wagte zuwiderzuhandeln. Umso genauer beschrieb ich alles – bis an die Grenze. William Blake sagte einmal sinngemäß: Wo genau eine Grenze liegt, wird dir erst klar, wenn du zu weit gegangen bist.

Wie war das im Fall von „Corpus Christi“, jenem Roman über Glauben und Zweifel des Jüngers Thomas konkret?

Roth: Zum Beispiel wollte ich keine „Frau im Grab“. Das war mir unangenehm für die Dinge, die da geschehen sollten. Ich sah dann aber, dass das Schreiben nicht weiterging. Zwei Wochen lang! Bis ich, meinem Ursprungstraum gemäß, ein weibliches Bewusstsein diese Szenen schildern ließ. Dann floss es wieder. Hier war etwas, ein Transpersonales – das heißt, mein Ich hatte es nicht gemacht –, das Ausdruck haben wollte. Dem musste ich dienen.

Sie waren jüngst wieder bei einer Tagung mit Theologen, dieses Mal in Vallendar, die sich intensiv mit Ihrem Werk auseinandergesetzt haben. Inwieweit ist es legitim, angesichts des Unbewussten von theologischen Traditionen her auch den Gottesbegriff zu verwenden und die Wirklichkeit entsprechend zu deuten?

Roth: Die Tiefenpsychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, hinsichtlich therapeutischer Praxis auch eine Kunst. Sie maßt sich nicht an, metaphysische Aussagen zu machen. Sie ist nicht Theologie. Sondern sie nimmt, würde ich sagen, Sicht auf den empirisch „höchsten Wert“ ganz aus der Begrenztheit des Menschen heraus. Wie und warum verehrt er ein Unendliches, das er als „ihm widerfahrend“ beschreibt? Aber ich bin weder Wissenschaftler noch Theologe. Ich bin Schriftsteller und beschreibe Erfahrung. Hier kann Literatur Verbindung herstellen zwischen Theologie und einer Wissenschaft wie der Tiefenpsychologie. Der höchste Wert ist das Absolute. Es gibt nichts Wichtigeres, als sich dieser Erfahrung zu nähern, sich ihr zu versichern und von ihr her das Leben auszurichten. Wichtig ist nur, das nicht als Fanatiker zu tun, der seine Zweifel auf andere projiziert und sie darum verfolgt. Wir sehen in unserer Zeit ein Erstarken des Nihilismus, des Materialismus, des organisierten Atheismus. Demgegenüber spreche ich von einem höchsten Wert, den wir seit Jahrtausenden als Gott bezeichnen und der, in der Ausbildung des Christentums, in höchstem Grade ausdifferenziert umschrieben wurde. Wenn dieses Gefäß jetzt zerfällt, ist es überlebensnotwendig, sich gerade auf diese Wurzeln in der persönlichen Erfahrung zu besinnen. Ich darf dem nihilistischen Moment des Zweifels dabei nicht ausweichen. Im Gegenteil, ich muss den Zweifel anerkennen, muss die Verzweiflung zulassen. Um dann den Weg durch sie hindurch anzutreten. Das ist unsere Aufgabe jetzt. Diese Phase einer neuen Begegnung mit Gott gehört dazu: Entfremdung, Verzweiflung, Verlorenheit und Dunkelheit haben einen Sinn. Wer das weiß, hält fest. Denn in diesem dunkelsten Tal muss man gewesen sein.

Was bedeutet dieses Zusammenspiel von Zweifel und Glauben für das Christentum?

Roth: Gerade auch für die christlichen Dogmen gilt, noch einmal zu überlegen, was für ein Sinn hinter ihnen steckt. Es geht nicht darum, sie zu verwerfen, sondern den Sinn hinter ihnen wieder zu finden, den Menschen offensichtlich einmal gefunden hatten. Immer noch gilt die Weisung des Paulus: Prüft alles, und das Gute behaltet. An diesen Punkt muss ich aber erst einmal kommen. Dieses Prüfen muss ehrlich sein und heutzutage so individuell als möglich geschehen. Ich kann dem Einzelnen heute nicht mehr aufzwingen, wie er denken muss. Wenn der Einzelne nichts erfahren hat, wenn diese Dimension der Erfahrung nicht da ist, wird er nicht glauben. Er kann die Augen zumachen und glauben, aber dann gibt es Jahre später, in der Mitte des Lebens, große Probleme, wenn er seinen Glauben als unterhöhlt erkennt. Dann beginnt vielleicht die Erfahrung eines Schwarzwerdens der Welt, alles wird bitter. Das ist der Eingang zum „Tal der Schatten“, durch das man durch muss. Die große Gefahr heute ist aber: nur noch das Dunkle zu sehen und sich dann sofort Ersatzbefriedigungen zuzuwenden.

Was wären solche Ersatzbefriedigungen?

Roth: Warum kommt es beispielsweise zu Drogenkonsum und Alkoholismus, wenn nicht aufgrund der Sehnsucht nach einer Erfahrung, die sich so tief, so allbeherrschend und umfassend in Fleisch und Seele einprägt, dass ich sie nicht mehr leugnen kann? Das ist letztlich eine Sehn-Sucht nach Gott. Hier wird jemand ergriffen, übermächtigt von etwas, das ihn körperlich, geistig und seelisch nimmt. Aber die Droge ist nicht der Weg zur Gotteserfahrung, weil sie gleichsam auf Knopfdruck geschehen, auf Einwurf aktivierbar sein soll. Und das Unbewusste – das ist an den Träumen zu beobachten – reagiert darauf höchst feindlich, wenn es sich überhaupt noch in Träumen und nicht bereits somatisch äußert. Die Einnahme solcher Drogen ist – aus der Sicht der Psyche – immer eine Vergewaltigung des Unbewussten.

Die biblischen Bücher sind in sich ja sehr vielschichtig, ganz unterschiedliche Textgattungen mit verschiedenen Formen von Sprache: Poetischem, Mythologien, Träumen. Aber in der Bibel geht es ja nicht einfach nur um fiktive Texte, sondern auch um historische Erfahrungen, die dann gedeutet worden und bedeutsam geworden sind, bis hin zur Wirkungsgeschichte im Judentum und im Christentum. Welche Rolle spielt die geschichtliche Dimension?

Roth: Wir sind uns ja schnell darüber einig, dass die Menschen damals einen anderen Begriff von Geschichte hatten. Es ist jedoch relativ leicht, diese Dissonanz zu überwinden. Alles ist historisch, insofern es wirklich geworden ist. Wirklich geworden aber ist es, insofern es gewirkt hat; es hat ja auf den Menschen gewirkt. Zum Beispiel hat sich eine bestimmte Sequenz der biblischen Bücher mit den Geschichtsbüchern, Weisheitsbüchern und den prophetischen Büchern nicht zufällig über Jahrhunderte hinweg gehalten. Das ist ein historisches Faktum, und darum eben auch ein psychologisches Faktum. Es hatte Wirkung, wirklichen Sinn – auch wenn der uns heute kaum mehr bewusst ist. Einen wichtigen Aspekt des Historischen kann man auch an sich selbst beobachten. Wenn ein Mensch Tagebuch führt und nachsieht, was er zehn Jahre zuvor über ein bestimmtes Ereignis geschrieben hat, stellt er fest, dass sich der eigene Blick auf die Sache doch beträchtlich verändert hat. Im Menschen ist ein mythifizierender Faktor vorhanden, von Natur angelegt – selbst wenn er sich nie mit Mythen beschäftigt hat. Dieser Faktor vergoldet Vergangenes, verzerrt die Dinge, ordnet sie neu an, besser gesagt: Er verwandelt sie. Ich führe seit Jahrzehnten ein relativ genaues Tagebuch. Ich kann nachsehen: Wie habe ich damals reagiert und wie hat sich die Sicht darauf zwischenzeitlich verändert? Was ist da passiert, was hat sich in mir verwandelt? Da geht es um Geschichte, im Sinne eines Geschichteten nämlich – um Schichten, die übereinander lagern und deren „Druck“ alles Darunterliegende langsam verwandelt. Hier wächst Wirklichkeit in der Zeit zurück. Das ist der mythische Faktor. Wie richtig oder wie falsch ist die Sicht heute? Das stellt sich dann als die Frage. Aber man muss sagen: So erfuhr ich es als der, der ich damals war. Gerade dunkle Phasen des Lebens, in denen man gelitten hat, wertet man später oft positiv.

Man kann, wenn man Ihren Roman „Sunrise“ über Joseph, den Vater Jesu, liest, nur erahnen, welche intensive Erfahrung das beim Schreiben gewesen sein muss. Hat sich dadurch auch Ihr Blick auf die Bibel noch einmal verändert?

Roth: Dieser Blick verändert sich mit jeder Bewusstwerdung. Ich lese tatsächlich täglich aus irgendeinem Grund in der Bibel, werde einfach dort hingeführt. Meist über Traumbilder – eigene oder mir erzählt-anvertraute. Das Internet erlaubt uns ja, dem Text im Nu bis in die Wurzeln des hebräischen Urtexts nachzuspüren. Da liegt auch die Gefahr einer psychischen Inflation – durch „Wissen“. Der Machtkomplex findet im Internet schier unendliche Nahrung. Aber die Weisheit spricht nicht zum Kollektiv, nicht zu Komitees, sie spricht auch nicht aus Datenbanken und Suchmaschinen. Sie kennt nur Individuen.

Gab es diesen Perspektivenwechsel auch mit Blick auf die Hauptfigur Joseph, der in der Christentumsgeschichte doch eigentümlich im Hintergrund steht?

Roth: Diesen Joseph sehe ich jetzt überall, erkenne ihn als archetypisches Bild im Alltag wieder. Auch andere Charaktere tragen Joseph-Eigenschaften in sich. Das Wichtigste war für mich einer dieser Momente, als ich dachte, Neuland zu entdecken. Die Conceptio Mariae – dieses Bild war bekannt. Joseph selbst war immer im Hintergrund geblieben, nicht nur in den Bildern der Malerei. Doch auch in ihm – das war die Entdeckung – spielt sich, wenn man Josephs Träume ansieht, geradezu gleichzeitig eine Conceptio ab. In gewisser Weise dieselbe! Denn auch er empfängt: einen Traum, den er zunächst in sich hütet. Entscheidend ist, dass er ihn nicht unterdrückt, sondern ihn austrägt – wie eine Schwangere ihr Kind. Letztlich antwortet er dem Traum, indem er ihm auch äußere Wirklichkeit gibt: ihn damit rettend-handelnd „gebiert“. Erst mit C. G. Jung haben wir heute zu einer Sicht gefunden, solche Differenzierungen treffen zu können und uns zum ersten Mal bewusst zu werden, dass auch „der Mann“ – Joseph – empfangen hat, und diese sein Leben durchkreuzende Empfängnis nicht unterdrückt hat, nicht herodianisch damit verfuhr. Das Weibliche gehört eben nicht nur der Frau. Diese Parallelgeburt eines Göttlichen im Menschen geschieht auf derselben Ebene, von der Jesus am Ende spricht, wenn er sagt, dass er weggehen muss, damit der Paraklet zu den Menschen komme. Bei Joseph ist das schon vorgezeichnet. Natürlich kann man sich fragen, warum diese Sicht auf Joseph so lange dunkel, unbewusst geblieben ist. Vielleicht wird sie uns jetzt erst bewusst, weil die Not so groß geworden ist.

Welche Not?

Roth: Die Not besteht darin, dass unser Gottesbild zerbrochen ist und wir in einer völlig säkularisierten, materialistischen Gesellschaft jede Vorstellung von Gott, jedes Bild eines uns Transzendierenden mit Füßen treten, indem wir uns – kollektiv und individuell – dumm und stumpf den seelischen Bildern und ihren Traditionen gegenüber verhalten.

Inwiefern werden Sie mit Ihrer Entschiedenheit an diesem Punkt zu einem Sonderfall oder gar Sonderling im Literaturbetrieb?

Roth: Das ist eigentlich eine Frage für Literaturkritiker. Möglicherweise hat der Sonderstatus genau damit zu tun, dass ich mit meiner Literatur versuche, dem Leser eine Erfahrung, eine Erkenntnis zu ermöglichen, statt ihn einfach nur aufzuschrecken oder zu unterhalten.