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Warum Großpfarreien eine Lösung sein können : Reale und gefühlte Zumutungen

Kirche zwischen Hochhäusern
 © Bild: pixabay.de

Die Kritik an den sogenannten XXL-Pfareien reißt nicht ab. Welche Erfahrungen hat man bisher im Bistum Essen gemacht, der ersten Diözese, die entsprechende Fusionen von Pfarreien vorgenommen hat?

Wow – das ist ja wie Katholikentag“, staunt der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates. Gegen Ende des Gottesdienstes zur Einführung des neuen Pfarrers setzt er zu seinem Grußwort an. Die Feier hat ihn sichtlich bewegt: Eine überfüllte Kirche mit einem großen Chor und mehreren Instrumentalisten, kräftiger Gesang, schwungvolle Lieder. Aus mehreren Gemeinden waren die Gläubigen mit „ihren“ Chören zusammengekommen. An diesem Nachmittag deutet sich an, was möglich wird, wenn Katholikinnen und Katholiken über ihre Kirchtürme hinausschauen und zueinanderfinden: Kirche wird zur Erfahrung einer großen Gemeinschaft, die Begeisterung weckt – ein wenig „wie Katholikentag“.

Mir hat sich die Szene mit dem staunenden PGR-Vorsitzenden eingeprägt. Es war die Einführung eines neuen Pfarrers in einer der Großpfarreien, die vielerorts auch – etwas despektierlich – „XXL-Pfarreien“ genannt werden. Viele Katholiken sehen in diesen Konstrukten eher Verlustgeschichten, während in der eben beschriebenen Szene jemand einen Gewinn zu ahnen beginnt: Wenn Gemeinden nicht für sich bleiben, sondern in einem größeren Bezugsrahmen miteinander wachsen, können auch Erfahrungen (wieder) möglich werden, die in der einzelnen Gemeinde so nicht (mehr) zu finden sind.

Entstanden sind die Großpfarreien im Bistum Essen aus einer wirtschaftlichen Not: Im Jahre 2006 hatte eine Untersuchung durch Wirtschaftsprüfer Alarm geschlagen: Radikale Umstrukturierungen waren notwendig, um nicht in eine ernsthafte Insolvenzgefahr zu geraten. Das führte zu drastischen Maßnahmen, die weitgehend in einem „Top-Down-Prozess“ umgesetzt wurden. Die bis dahin 259 eigenständigen Kirchengemeinden wurden aufgelöst und zu 43 neuen Pfarreien zusammengelegt – in der Folge wurden 96 Kirchengebäude aufgegeben, hinzu kamen erhebliche finanzielle Einschnitte.

Das war ein schmerzhafter Prozess, der Wunden geschlagen hat, die bis heute nachwirken: Pfarrer fühlten sich „degradiert“, weil sie in den neuen Strukturen „nur“ noch Pastoren sein können, kirchenrechtlich einem Kaplan vergleichbar; Gemeinden verloren ihre Souveränität und die Hoheit über Kindertagesstätten, die seither von einem Zweckverband gesteuert werden; hauptberufliches Personal gerät unter immer größeren Erwartungsdruck aus mehreren Gemeinden. Die Liste der realen oder gefühlten Verluste und Zumutungen ließe sich fortschreiben.

Kirche jenseits der Strukturfragen

Auch nach mehr als zehn Jahren wird die Struktur der Großpfarreien vielfach beklagt. Trotzdem ist die Zahl derer gewachsen, die den damals eingeschlagenen Weg für richtig halten. In einer Zeit, in der die Volkskirche an ihr Ende kommt, müssen Christen zusammenrücken, um sich zu stärken und handlungsfähig zu bleiben. Darum braucht es Strukturen, die Verbundenheit schaffen und Grenzen überwinden.

Seit 2012 wird intensiv darüber diskutiert, wie es um unsere Kirche jenseits der Strukturfragen bestellt ist. Der Dialogprozess, der nach dem Missbrauchs-Skandal angestoßen wurde, führte im Ruhrbistum zu einer gründlichen Bestandsaufnahme. Die wirtschaftlichen Probleme erwiesen sich dabei als Symptome einer tieferen, grundlegenden Krise. Das kirchlich verfasste Christentum verliert dramatisch an gesellschaftlicher Relevanz und Anschlussfähigkeit: Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt kontinuierlich; viele Angebote stoßen auf sinkendes Interesse; die innerkirchlich noch gebundenen Menschen werden immer älter. Selbst ehemals aktive Christen ziehen sich zurück. Inhalte, Erscheinungsbild und Atmosphäre unserer Kirche werden nicht nur den jüngeren Generationen zunehmend fremd. All das bekommen unsere Gemeinden deutlich zu spüren.

Im Dialogprozess entstand ein Zukunftsbild, das auf diese Bestandsaufnahme reagiert und mit sieben Begriffen eine Vision für die Zukunft der Kirche entwickelt. Es beschreibt eine Kirche, die vielfältig ist und sich der ganzen Bandbreite der Menschen unserer Gesellschaft öffnet. Im Mittelpunkt stehen geistliche Erfahrungen: Menschen, die in ihrer Tiefe berührt werden vom Evangelium Jesu Christi, werden zu überzeugten und überzeugenden Christen. Sie alle tragen die Kirche und wissen sich gesendet, um die Werte des Evangeliums weiter zu sagen und zu leben. Wach nehmen sie wahr, was sich in der Gesellschaft tut und wo sie sich wirksam für andere einsetzen können. Die Kirche zeigt sich offen für Entwicklung und Veränderung, weil sie sich als lernend versteht. Und nicht zuletzt liegt ihr daran, nah bei den Menschen zu sein – nicht allein durch Institutionen, Gebäude und hauptberufliches Personal, sondern durch die gelebte alltägliche Nächstenliebe aller Mitglieder.

Die Kirche muss sich inhaltlich neu ausrichten, um eine wichtige Größe in der Gesellschaft zu bleiben. Die dafür notwendige innerkirchliche Auseinandersetzung braucht eine breite Basis – nicht nur, weil jede einzelne Gemeinde damit überfordert wäre, sondern weil es um eine grundsätzliche Krisensituation der Kirche geht.

Das Zukunftsbild dient als Grundlage für die „Pfarreientwicklungsprozesse“, die im vergangenen Jahr in allen Pfarreien des Bistums Essen begonnen haben. Es geht eben nicht allein um drängende wirtschaftliche und strukturelle Fragen. Natürlich muss ein finanzieller Konkurs in den kommenden Jahren verhindert werden, denn die Schere zwischen sinkenden Einnahmen und steigenden Kosten geht weiter auf. Genauso wichtig ist es, einen inhaltlich-geistlichen Konkurs abzuwenden.

So laufen in unseren Pfarreien wichtige Debatten: Was kommt in zehn bis zwanzig Jahren auf uns zu? Wie verändern sich die Menschen und die Stadtteile und Quartiere, in denen sie leben, und was bedeutet das für unsere Initiativen und Angebote? Wer trägt künftig unsere Gottesdienste und gestaltet das kirchliche Leben? Wie kann es gelingen, für Menschen interessant zu werden, die keinen Zugang zu den klassischen Gemeindeangeboten finden? Was muss sich verändern, damit Kirche attraktiv und anziehend wird? Wie können wir den christlichen Glauben so zum Ausdruck bringen, dass er von den Menschen unserer Zeit verstanden und angenommen werden kann?

Diese Debatten sind schwierig. Oft stehen schmerzhafte Entscheidungen im Vordergrund: Welche Kirchengebäude können und wollen wir erhalten? Von welchen Gebäuden müssen wir uns verabschieden, weil die finanziellen Mittel nicht reichen – spätestens dann, wenn größere Sanierungsmaßnahmen anstehen? Zuweilen wird deutlich, dass manche Gebäude nicht nur zu groß geworden sind, sondern auch keine angemessene Atmosphäre bieten, um darin geistliche Erfahrungen machen zu können.

Es ist offensichtlich: Wer meint, in allen Gemeinden könne alles wie gewohnt erhalten werden, erliegt einer Illusion. Die finanziellen Mittel, aber auch die personellen Möglichkeiten reichen nicht aus. Wie aber kann es gelingen, eine Balance zu finden zwischen zentralen Schwerpunkten und kleineren „Zellen“ kirchlichen Lebens, die ein gewisses Maß an kirchlicher Nähe in allen Teilen einer Großpfarrei sicherstellen?

Fluchtgedanken und die Suche nach Schuldigen ändern nicht die Realität

Ängste, Widerstände und erbitterte Verteilungskämpfe prägen derzeit viele Auseinandersetzungen. Manch einer will nicht wahrhaben, dass die volkskirchlichen Zeiten zu Ende sind. Da wird nach Schuldigen gesucht, die verantwortlich gemacht werden können für angebliche Fehlentwicklungen. Einfache Lösungsmuster tauchen auf: Wenn „die da oben beim Bistum“ einfach anderswo sparen würden; wenn „die Priester“ bessere Arbeit leisten würden; oder wenn das Ruhrbistum aufgelöst und in seine „reichen“ Ursprungsbistümer zurückgeführt würde, könnte alles bleiben, wie es ist. Solche Fluchtgedanken verändern aber nicht die Realität. Das erkennen auch die meisten, die in den Pfarreien und Gemeinden mutig nach vorne schauen und sich den Herausforderungen stellen.

Mich berührte vor wenigen Wochen ein Besuch in meiner sauerländischen Heimat, dem ländlichen Teil unseres Bistums. Hier umfassen die Großpfarreien mehrere Kleinstädte und Dörfer, die von Tälern und Hügeln getrennt sind. Die Idee, dort Gemeinden zusammenzuführen, galt vor zehn Jahren als aussichtsloses Unterfangen. Ich war nun zu Gast, als die Großpfarrei einen gemeinsamen Festgottesdienst in einer ihrer Kirchen feierte. Was mich freute: Aus beiden Kleinstädten, die zur Pfarrei zählen, waren die Menschen tatsächlich zusammengekommen – und bekräftigten in Gesprächen ihren Willen, die Gläubigen beider Orte zusammenzuführen.

Dieser Wille zu mehr Verbundenheit ist der Einsicht erwachsen, dass die einzelnen Gemeinden auf Dauer nicht mehr allein überlebensfähig sind. Längst zeichnet sich ab, dass für viele Aktivitäten gar nicht mehr genügend Menschen zu finden sind, die sich engagieren wollen – angefangen von der Chorarbeit bis hin zur Firmkatechese. Die Kirchengebäude sind angesichts der sinkenden Zahl der Gottesdienstfeiernden zu groß geworden. In meiner Heimatkirche hat man bereits die Kirchenbänke eines Seitenschiffs entfernt, weil sie nicht mehr benötigt werden. Natürlich erzeugen solche Phänomene Traurigkeit. Aber inzwischen wächst auch eine Haltung, die im Verbund der großen Pfarrei „jetzt erst recht“ nach gemeinsamen Wegen sucht.

Dabei entstehen manchmal geradezu „verrückte“ Ideen. Ein jüngerer Gremienvertreter einer anderen Pfarrei verriet mir, er habe in seiner Pfarrei vorgeschlagen, auf einzelne traditionelle Kirchengebäude zu verzichten, um stattdessen eine neue Kirche zu bauen. Im Gebiet der Pfarrei ist ein kulturelles Zentrum gewachsen, in dem sich Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung sammeln. Dort müsse die Kirchengemeinde in ganz neuer Form präsent sein. Sein Vorschlag scheint noch nicht mehrheitsfähig, aber dass solche Gedanken überhaupt ausgesprochen und diskutiert werden, ist ein großer Schritt. Es geht darum, nicht nur allein auf das bestehende Erbe der Vergangenheit zu schauen, sondern exemplarisch neue Versuche zu wagen, Kirche für unsere Zeit zu entwickeln.

Die Einblicke in die Debatten unserer Pfarreien zeigen, was geschehen kann, wenn das überkommene Kirchturm-Denken überwunden wird. Da wächst eine gemeinsame Sicht auf die Situation des Christentums und löst eine Haltung ab, die die „eigene“ Kirchenwelt gegen die „der anderen“ abgrenzen und verteidigen will. Die Frage ist nicht, wie ich „meine“ Kirche „rette“, sondern wie es uns Christen gemeinsam gelingt, dass die Botschaft Jesu Christi auch künftig noch von möglichst vielen Menschen als Fundament und Orientierung für das eigene Leben entdeckt werden kann. Das verändert die Perspektive: Es dreht sich dann nicht mehr alles – im übertragenen Sinn – um den eigenen Kirchturm, sondern um die Menschen, denen die Kirchtürme vielleicht gar nicht so wichtig sind.

Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der Kirchensteuerzahler nehmen selten bis gar nicht am Leben der Gemeinden teil. Was motiviert sie, die Kirche dennoch finanziell zu unterstützen? Was erwarten oder wünschen sie sich von ihrer Kirchengemeinde? Wie können Begegnungen möglich werden mit „Kirchenfernen“ und ganz besonders mit der jüngeren Generation? Wie reagieren Pfarreien und Gemeinden auf soziale und andere Entwicklungen in ihrer Umgebung? Und: Wie feiern wir unseren Glauben so, dass es andere Menschen anzieht – und wie müssen dazu die entsprechenden Räume gestaltet sein?

Die Herausforderungen gemeinsam bewältigen, nicht gegeneinander

Wir können in unserer Kirche die großen Herausforderungen der Zukunft nur miteinander, aber nicht neben- oder gar gegeneinander bewältigen. Wir müssen zusammenrücken, das „Kirchturm-Denken“ überwinden und uns darauf besinnen, was Katholizität bedeutet – nämlich gemeinsam Kirche zu sein. Wir befinden uns auf diesem Weg am Anfang. Nach wie vor sind viele Gläubige skeptisch, ob die größer werdenden Pfarreien eine Hilfe sind. Manches geht tatsächlich verloren und nicht immer ist erkennbar, ob Neues wächst. Pfarrer und pastorale Mitarbeitende stehen massiv unter Druck, weil sie Veränderungsprozesse steuern sollen, die es in sich haben.

Zudem haben viele von ihnen mit ganz anderen Träumen ihren Beruf gewählt. Teilweise zerreißt es engagierte Menschen in Pfarreien, wenn problematische Entscheidungen zu Unverständnis und Widerstand führen. Manche Kirchenmitglieder hängen derart an Gewohntem, dass sie ihre Glaubenspraxis und sogar ihre Kirchenzugehörigkeit aufgeben, wenn es nicht weitergeht wie bisher.

Letzteres wirft noch ganz andere Fragen auf: Was ist der tragende Grund eines Glaubens, der nicht mehr weiter praktiziert wird, sobald ein bestimmter äußerer Rahmen verloren geht? Welches Verständnis von Glaube und Kirche ist in der Vergangenheit vermittelt worden oder gewachsen, wenn eine nicht zu unterschätzende Zahl von Gläubigen nicht bereit ist, in einer anderen Kirche als der „eigenen“ den Glauben zu praktizieren?

Das Ringen um die angesprochenen Fragen hilft, drohende Lethargie und Resignation zu überwinden. Auch das zeigt sich: Da setzen Pfarreien an einzelnen Orten besondere Schwerpunkte – von der Jugendpastoral bis zum Engagement in sozialen Brennpunkten; da entstehen Initiativen für eine neue Förderung des Ehrenamtes und nicht zuletzt gibt es Versuche, Formen ehrenamtlicher Leitung in einzelnen Gemeinden einer Großpfarrei zu entwickeln. Bistumsweit arbeiten 20 Arbeitsgruppen an innovativen Projekten, deren Ziel es ist, jene Menschen zu erreichen, die in Distanz zur Kirche stehen. Gerade diejenigen, die sich von der Kirche abgewendet haben, stehen im Fokus einer größeren Studie: Was könnte helfen, um zu ihnen wieder neue Anknüpfungspunkte zu finden?

Kürzlich beschwerte sich ein junges Paar bei mir über die Zurückweisung in einer Gemeinde, in der es gerne heiraten und ihr Kind taufen lassen wollte. Das Pfarrbüro hielt sich an die Regel: Hochzeit und Taufe nur für Gemeindemitglieder, die auch vor Ort wohnen. Das junge Paar stellte angesichts dieser „Abfuhr“ eine treffende Frage: „Wir gehören keiner Gemeinde an und wollen das auch nicht. Aber wir möchten gerne Mitglied der katholischen Kirche sein! Geht das eigentlich?“

Diese provozierende Frage macht klar: Viele Menschen denken nicht mehr in den Kategorien, die uns innerkirchlich vertraut sind. Sie denken offener, flexibler, vielfältiger. Das stellt natürlich gewohnte Kirchenbilder infrage. Unser Zukunftsbild wirbt auch deshalb für eine größere Vielfalt in unserer Kirche, weil das Evangelium uns zu allen Menschen sendet. Wenn sich von unseren derzeitigen Kirchenstrukturen immer weniger Menschen angesprochen fühlen, dann besteht also dringender Veränderungsbedarf. Große Pfarreien sind eine Chance, in einem größeren territorialen Raum sehr vielfältige Kirchenwege für vielfältige Menschen zu ermöglichen – und dabei zugleich eine bleibende Verbundenheit zu sichern. So wird es dann bei aller Vielfalt immer wieder solche Momente geben, die „wie ein Katholikentag“ wirken: stärkend und verbindend.

Quelle: Herder Korrespondenz 71. Jahrgang (2017), Heft 11, S. 27-29

Rubrik: Kirche in Deutschland

4 Kommentare

Von am

WIR BRAUCHEN INTELLIGENTE UND ELABORIERTE KONZEPTE, UM DEN NIEDERGANG DER KATHOLISCHEN KIRCHE IM 21. JAHRHUNDERT ABZUBREMSEN!

5 Symptome einer tieferen, grundlegenden Krise (Pfeffer 2018, 27)
1. Das kirchlich verfasste Christentum verliert dramatisch an gesellschaftlicher Relevanz und Anschlussfähigkeit.
2. Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinkt kontinuierlich.
3. Die innerkirchlich noch gebundenen Menschen werden immer älter.
4. Selbst ehemals aktive Christen ziehen sich zurück.
5. Inhalte, Erscheinungsbild und Atmosphäre unserer Kirche werden nicht nur den jüngeren Generationen zunehmend fremd.

5 Herausforderungen bewältigen – aber wie? (Pfeffer 2018, 29)
1. Wir können in unserer Kirche die großen Herausforderungen der Zukunft nur miteinander, aber nicht neben- oder gar gegeneinander bewältigen.
2. Wir müssen zusammenrücken, das „Kirchturm-Denken“ überwinden und uns darauf besinnen, was Katholizität bedeutet – nämlich gemeinsam Kirche zu sein.
3. Auch das zeigt sich: Da setzen Pfarreien an einzelnen Orten besondere Schwerpunkte – von der Jugendpastoral bis zum Engagement in sozialen Brennpunkten; da entstehen Initiativen für eine neue Förderung des Ehrenamtes und nicht zuletzt gibt es Versuche, Formen ehrenamtlicher Leitung in einzelnen Gemeinden einer Großpfarrei zu entwickeln.
4. Bistumsweit arbeiten 20 Arbeitsgruppen an innovativen Projekten, deren Ziel es ist, jene Menschen zu erreichen, die in Distanz zur Kirche stehen.
5. Gerade diejenigen, die sich von der Kirche abgewendet haben, stehen im Fokus einer größeren Studie: Was könnte helfen, um zu ihnen wieder neue Anknüpfungspunkte zu finden?

WIR BRAUCHEN INTELLIGENTE UND ELABORIERTE KONZEPTE, UM DEN NIEDERGANG DER KATHOLISCHEN KIRCHE IM 21. JAHRHUNDERT ABZUBREMSEN!

Von am

Man kann sich alles schönreden, wenn man es nur lang genug tut - und jene ausblendet, die am Rand übrig bleiben.

Es wäre mutig, ja geradezu cool, wenn Kirche es wagen würde, mit ihren Ressourcen tatsächlich auch an die Ränder zu gehen oder bewusst dort zu bleiben, statt „neue Zentren“ zu bauen und die Ränder veröden zu lassen.

Es ist zynisch zu sagen, wenn die Leute 20km zum Einkaufen fahren, dann können sie auch 20km zur nächsten Eucharistie fahren, wie der ehemalige Bischof von Essen, Genn, einmal gesagt hat. Welche Art von „Versorgungslogik“ steckt eigentlich dahinter?

Mein Verdacht: Die Gewinner dieses Prozesses, die mobilen, flexiblen und gut ausgestatteten Katholiken tun nichts anderes, als was sie den anderen vorwerfen: Sie wollen ein schönes Gefühl von Gemeinschaft erzeugen, statt sich der Wüste wirklich zu stellen. Ägyptische Fleischtöpfe statt Exodus!

Die Folge: Kirche trägt aktiv zur Verödung von Vierteln und Dörfern und ganzen Landstrichen bei, in denen nur noch gewohnt wird, aber eben nicht mehr gelebt, weil es nix mehr gibt, wo das Leben spielt. So wie es schon lange keine Läden mehr gibt an der Peripherie, gibt’s bald auch Kirche dort nicht mehr.

Was würde der Papst dazu sagen? Das würde mich sehr interessieren, weil dieses Denken und Handeln im Widerspruch zu seinem zentralen Wunsch nach einer armen Kirche für die Arnen steht! Arme reiche Kirche in Deutschland.

Natürlich ist es legitim, die fruchtbaren Seiten dieser Veränderungsprozesse zu betrachten. Aber zu tragfähigen Lösungen komme ich nur, wenn ich die Schattenseite nicht ausblende.

Vielleicht wäre es hilfreich, den anderen Beitrag von Wollbold/Haering auch freizuschalten, damit beide Perspektiven Platz haben (aber wahrscheinlich widerspricht das der Marketingstrategie ...)

Von am

Ersetzt Werbekampagne kritischen Diskurs?

Wir, zwei Laien unserer schrumpfenden Pfarrei, sind anderer Meinung als Klaus Pfeffer. Jedoch fehlt uns dessen beeindruckende Selbstsicherheit. Aber wir wollen zumindest seine Position in Fra-ge stellen und damit erreichen, dass nicht nur für die je eigene Überzeugung die Trommel gerührt, sondern ein kritischer Diskurs angestrebt wird.

Wir bedauern, wie Pfeffer durch enervierende, stereotype Schwarz-Weiß-Malerei der Gläubigen sich und Gleichgesinnte als diejenigen zeichnet, die schon „einen Gewinn zu ahnen beginn[en]“, also Sehende oder Erleuchtete sind, während die anderen, die angeblich zurückschauen, zurück-bleiben und sich im engen Kirchturm verschanzen, dann wohl Blinde wären. – Das ist aber nicht seriös, sondern nur ärgerlich.
Wir kritisieren, dass Pfeffer seine Thesen, Schlussfolgerungen und Forderungen ableitet aus sub-
jektiven Erfahrungen bei Gottesdiensten, die sehr stark als Event angelegt sind, was keinesfalls ob-solet ist, aber schnelle Rückschlüsse und Verallgemeinerungen verböte. – Das ist zu kurz gedacht.
Wir bemängeln, dass Pfeffer zwar drängende Probleme aufgreift und relevante Fragen stellt, aber
nur vage formuliert und diffuse Lösungsversuche anbietet. – Das ist dann aber doch zu wenig.

Pfeffers Kerngedanke, knapp zusammengefasst, ist folgender: Die Kirche des Bistums Essen be-
finde sich in einer tieferen, grundlegenden Krise und steuere auf einen finanziellen Kollaps zu, der
auch Symptom dieser Krise ist. Deshalb müsse sich die Kirche grundlegend erneuern, um den ak-tuellen Herausforderungen gewachsen zu sein. Den Weg wiesen einsichtige Gläubige, die die Per-spektiven und Möglichkeiten zukünftiger Großpfarreien erkannt hätten und durchsetzten. Reform vollzöge sich also im Übergang von kleineren Gemeinden in durchstrukturierte und durchorgani-sierte Großpfarreien.

Das steht aber im Widerspruch dazu, dass – wie auch Pfeffer konstatiert (I,36-II,14) – „Großpfar-reien im Bistum Essen aus einer wirtschaftlichen Not“ heraus entstanden, aber nicht Konsequenzen eines reformerischen Impulses sind und nur zu Schließungen und finanziellen Einschnitten führten. – Die Symbiose von Umstrukturierung und Reform widerlegt Pfeffer auch unbewusst gleich selbst im einleitenden Abschnitt seines vorliegenden Artikels: Wenn er das Szenario der Einführung eines Großpfarrei-Pfarrers erinnert, in dem ein PGR-Vorsitzender sichtlich berührt ist von einer vollen Kirche, einem großen Chor, mehreren Instrumentalisten und Begeisterung zeigt ob des kräftigen Gesangs, der schwungvollen Lieder und der Gemeinschaft wie auf einem Katholikentag, dann wird nur wieder das Lied volkskirchlicher Vergangenheit gesungen, die aber doch verlorengehe und „an ihr Ende kommt“ (II,36). Somit wäre Reform eigentlich nur die Wiederbelebung dessen, was, in kleinen Gemeinden verkümmert, in Großpfarreien wieder auferstehe. – Und schließlich erklärt Pfeffer auch (III,6-28), dass der eigentliche Reformprozess „jenseits der Strukturfragen“ angesie-delt sei, womit er Strukturreform zwar auf Umorganisation verkürzt, immerhin aber die Notwen-digkeit einer grundlegenden Reform bekennt.

Da Pfeffer „eine grundlegende Krisensituation der Kirche“ (IV,20 wie auch III,14f) als gegeben annimmt, sei eine gründliche Bestandsaufnahme der kirchlichen Situation unabdingbar (vgl. III, 11f), die aber in seinen Ausführungen nur durch vage Formulierungen und Schlagworte angedeutet wird: Die Volkskirche sei an ihr Ende gekommen (II, 36f); die Kirche verliere dramatisch an gesell-schaftlicher Relevanz und Anschlussfähigkeit (III.16f), womit erfreulicherweise die Schuld nicht anderen zugewiesen, sondern selbst angenommen wird. Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinke; Inhalte, Erscheinungsbild und Atmosphäre der Kirche würden selbst treuen älteren Kirchgängern zunehmend fremd (III, 16-28).
Insofern ist dann auch nicht verwunderlich, dass die reformerischen Konsequenzen unbestimmt und diffus bleiben, was leider auch in Bezug auf die Ausführungen zum Zukunftsbild der Kirche im Bistum Essen gilt. (Aus unserer Gemeinde war im Juni 2016 dringend empfohlen worden, eine Ar-beitsgruppe des PEP zu diesem Komplex zu bilden – ein Vorschlag, der aber nicht aufgegriffen wurde.) Als Beispiele für auf Wirkung zielende, aber unbestimmt bleibende Formulierungen seien angeführt:

in einem größeren Bezugsrahmen zu denken (I,31),
neue gemeindeübergreifende Erfahrungen zu machen (I,33ff),
als Christen zusammenzurücken, um sich zu stärken (II,37-III;2),
Strukturen zu schaffen, die Verbundenheit erzeugen (III,3),
für innerkirchliche Auseinandersetzungen eine breite Basis zu schaffen (IV,16ff),
einen inhaltlich-geistlichen Konkurs abzuwenden (IV, 32ff),
zentrale Schwerpunkte zu setzen (V,10),
die großen Herausforderungen zu bewältigen (VII,17f),
gemeinsam Kirche zu sein (VII,22f).

Dass die Kirche sich inhaltlich neu ausrichten müsse (IV, 14), ist richtig, aber leider nur plakativ formuliert. Es drängt sich damit wieder der Eindruck auf, dass einfach der Mut fehlt, konkrete Pro-bleme zu benennen und Lösungswege zumindest einmal vorzuschlagen, womit man gesellschaft-liche Anschlussfähigkeit überhaupt erst unter Beweis stellen würde. – Neue Ausrichtung, Be-wegung und Dynamik sind aber zwingend notwendig für

den Entwurf eines Rollenbildes der Frau in der Kirche, das nicht kirchlich reduziert sein kann,
die Entwicklung eines gesellschaftsfähigen Bildes vom Priester, der nicht aus „zweiter Hand“ lebt,
die Verwirklichung von Anhörung, Beteiligung und Mitentscheidung von Laien auf allen Ebenen,
die Glaubensverkündigung in zeitgültigen Denkkategorien und heutger Sprache,
liturgische Konzepte mit Formen und Ritualen, die auch unsere Lebenswirklichkeit abbilden,
die Entwicklung einer Moral von Ge-/Verbotskatalogen hin zu einer Verantwortungsethik,
die Rückbesinnung – in allen Fragen – auf die biblischen Qellen und die Person Jesu und
ein dadurch inspiriertes und vor allem im Leben wirksam werdendes Kirchenverständnis.

Auf dem Hintergrund der oben aufgezeigten inhaltlichen Defizite ist es ärgerlich, eigentlich sogar unzulässig, die Gläubigen, alle doch Kinder Gottes, in ein Zwei-Klassen-System einzusortieren. In die eine Klasse der Erleuchteten wird der eingeführt, „der den damals eingeschlagenen Weg [in Großpfarreien] für richtig“ hält (II,33f) , weil er „einen Gewinn zu ahnen beginnt“ (I,29), der neue „Erfahrungen (wieder) möglich werden“ lässt (I,33); der keine Fluchtgedanken hegt [obwohl Pfef-fer selbst tief in die Idylle eines Besuches seiner sauerländischen Heimat taucht, die ihm die Pracht eines Festes der neuen Großgemeinde präsentiert. Vgl. V,33-54] , sondern mutig nach vorn schaut und sich den Herausforderungen stellt (V,28-32), dessen Einsicht in die Notwendigkeit der Verbun-denheit [in Großgemeinden] gewachsen ist (V,48ff), der exemplarisch neue Versuche wagt, „Kirche für unsere Zeit zu entwickeln“ (VI,31f), damit „sich dann nicht mehr alles – im übertragenen Sinne – um den eigenen Kirchturm, sondern um die Menschen [dreht], denen die Kirchtürme vielleicht gar nicht so wichtig sind.“ (VI,49ff). – In der anderen Klassse der Blinden bleibt sitzen, wer statt dem Aufbruch der Illusion [der Kleingemeinde] erliegt (V,7), zu „einfache Lösungsmuster“ (V,20) sucht, Fluchtgedanken hegt (V,27), „allein auf das bestehende Erbe der Vergangenheit“ schaut (VI,29ff), „die ´eigene´ Kirchenwelt gegen die ´der anderen´ abgrenzen und verteidigen will“ (VI,39ff), engstirnig an Gewohntem festhält (vgl.VI,38-42) und „nicht bereit ist, in einer anderen Kirche als der `eigenen´ den Glauben zu praktizieren“ (VII,52-54). – Diese Gegenüberstellung ist vielleicht nur deshalb nicht verletzend, weil jeder doch erkennt, dass beide Parteien nicht so sind, wie Pfeffer sie malt. – Wir werfen ihm vor, dass er in der Herder-Korrespondenz Werbung macht, statt Aufklärung zu betreiben. Und deshalb fragen wir, eingedenk der nur diffusen Aussagen zur innerkirchlichen Krise, deren nicht konkretisierter Herausforderungen und der nicht explizierten reformerischen Ansätze, in Richtung Verfechter der Pfefferschen Konzeption (in Anlehnung an einen Filmtitel der Fünfzgerjahre): Wissen sie denn überhaupt, was sie tun? – Uns scheinen eine gründlichere Reflexion und Diskussion zwingend geboten, als im vorliegenden Artikel von Pfeffer geliefert, um zumindest im Nachhinein – denn die Entscheidung für Großpfarreien ist gefallen – noch Korrekturen erreichen zu können.
Und danach schreit geradezu der letzte Abschnitt des vorliegenden Artikels mit folgendem Narrativ (VIII,22-34): Ein junges Paar will sich trauen und sein Kind taufen lassen in einer anderen Kirche als der der Wohngemeinde, wird abgewiesen, insistiert aber mit der Begründung, man gehöre keiner (!) Gemeinde an, wolle das auch nicht (!!), „möchte aber gerne Mitglied der katholischen Kirche sein! Geht das eigentlich?“ – Diese „provozierende Frage“ wertet Pfeffer nur so, dass viele Menschen heute „offener, flexibler, vielfältiger“ dächten, weshalb sie in Großsyste-men gut aufgehoben scheinen. Die Frage des Paares aber hätte er hinterfragen müsssen, denn sie ist insofern provozierend, als sie doch weiter zu fragen zwingt, worauf denn dessen Kirchenverständ-nis gründet und wie es dieses realisiert. Würde ein Paar antworten, es hätte sich für die Kirche ent-schieden, in der wir Rezensenten zu Hause sind, weil in dieser Kirche das Kreuz, an dem Christus uns erlöst hat, und der Altar, an dem wir das Gedächtnis unseres Erlösers Jesus Christus feiern, ge-nau im Zentrum des Sakralbaus stehen, weil das Taufbecken direkt am Eingang in die Kirche auf den Eintritt des Täuflings in Christi Kirche verweist, weil das Kirchendach wie eine Zeltkonstruk-tion sich über den Bau bis zum anderen Ausgang wölbt, was auf das Ende unseres Pilgerweges, an dem Christus auf uns zu wiederkommt, hindeuten kann, und weil schließlich dieser Pilgerweg an einer Heiligenwand, die zeitlich Jahrhunderte und räumlich alle Erdteile umspannt, vorbeiführt, dann ist dieses Paar nur in dieser Kirche genau richtig. Aber Pfeffer stellt diese Frage weder sich noch dem Paar.
Allerdings hätte dem Autor an dieser Stelle eigentlich auffallen müssen, dass in seinem Artikel das Wesen von Kirchesein weder genügend reflektiert noch inhaltlich gefüllt wird. Der Begriff Kirche kehrt zwölfmal wieder als Bezeichnung des steinernen Baues, fünfundzwanzigmal bezeichnet er die Gemeinschaft der Gläubigen, sechsunddreißigmal ist von Gemeinde/Pfarrei die Rede – zweimal verliert sich der Name Jesus Christus als Genitiv-Attribut zu Evangelium/ Frohbotschaft in den Satzkonstruktionen (im ersten Votumsentwurf des PEP unserer Pfarrei aber schon überhaupt nicht mehr). Chritus hat nicht abgedankt, aber es bleibt die bange Frage, ob er abgesetzt wurde durch eine Kirche, die sich ernster nimmt als Ihn, auf Den zu hören und zu zeigen doch ihre wichtigste Aufga-be ist.
Verblüffend und erschreckend, wie inbekümmert Pfeffer glaubt, man werde in Großpfarreien „ in einem größeren territorialen Raum sehr vielfältige Kirchenwege für vielfältige [sic] Menschen“ finden. Und beängstigend ist, dass, recht unkritisch, überhaupt nicht angesprochen, geschweige denn reflektiert wird, ob und inwieweit Großpfarreien, statt Vielfalt und Eigenleben zu ermöglichen, durch Zentralismus, Dirigismus und Kontrolle der Einfalt und Uniformität Vorschub leisten. (Dafür könnte man auch so manches Narrativ präsentieren.)

Klaus Pfeffer mag durch seinen Artikel Gleichgesinnte bestätigen und mobilisieren, überzeugen
wird er Andersdenkende nicht. Aber Spielräume lässt auch eine Großpfarrei noch zu, doch die müs-sen andere als Klaus Pfeffer erstreiten und erkämpfen. – Möchten sie den Mut und die Energie dazu aufbringen.

Von am

Ersetzt Werbekampagne kritischen Diskurs?

Wir, zwei Laien unserer schrumpfenden Pfarrei, sind anderer Meinung als Klaus Pfeffer. Jedoch fehlt uns dessen beeindruckende Selbstsicherheit. Aber wir wollen zumindest seine Position in Fra-ge stellen und damit erreichen, dass nicht nur für die je eigene Überzeugung die Trommel gerührt, sondern ein kritischer Diskurs angestrebt wird.

Wir bedauern, wie Pfeffer durch enervierende, stereotype Schwarz-Weiß-Malerei der Gläubigen sich und Gleichgesinnte als diejenigen zeichnet, die schon „einen Gewinn zu ahnen beginn[en]“, also Sehende oder Erleuchtete sind, während die anderen, die angeblich zurückschauen, zurück-bleiben und sich im engen Kirchturm verschanzen, dann wohl Blinde wären. – Das ist aber nicht seriös, sondern nur ärgerlich.
Wir kritisieren, dass Pfeffer seine Thesen, Schlussfolgerungen und Forderungen ableitet aus sub-
jektiven Erfahrungen bei Gottesdiensten, die sehr stark als Event angelegt sind, was keinesfalls ob-solet ist, aber schnelle Rückschlüsse und Verallgemeinerungen verböte. – Das ist zu kurz gedacht.
Wir bemängeln, dass Pfeffer zwar drängende Probleme aufgreift und relevante Fragen stellt, aber
nur vage formuliert und diffuse Lösungsversuche anbietet. – Das ist dann aber doch zu wenig.

Pfeffers Kerngedanke, knapp zusammengefasst, ist folgender: Die Kirche des Bistums Essen be-
finde sich in einer tieferen, grundlegenden Krise und steuere auf einen finanziellen Kollaps zu, der
auch Symptom dieser Krise ist. Deshalb müsse sich die Kirche grundlegend erneuern, um den ak-tuellen Herausforderungen gewachsen zu sein. Den Weg wiesen einsichtige Gläubige, die die Per-spektiven und Möglichkeiten zukünftiger Großpfarreien erkannt hätten und durchsetzten. Reform vollzöge sich also im Übergang von kleineren Gemeinden in durchstrukturierte und durchorgani-sierte Großpfarreien.

Das steht aber im Widerspruch dazu, dass – wie auch Pfeffer konstatiert (I,36-II,14) – „Großpfar-reien im Bistum Essen aus einer wirtschaftlichen Not“ heraus entstanden, aber nicht Konsequenzen eines reformerischen Impulses sind und nur zu Schließungen und finanziellen Einschnitten führten. – Die Symbiose von Umstrukturierung und Reform widerlegt Pfeffer auch unbewusst gleich selbst im einleitenden Abschnitt seines vorliegenden Artikels: Wenn er das Szenario der Einführung eines Großpfarrei-Pfarrers erinnert, in dem ein PGR-Vorsitzender sichtlich berührt ist von einer vollen Kirche, einem großen Chor, mehreren Instrumentalisten und Begeisterung zeigt ob des kräftigen Gesangs, der schwungvollen Lieder und der Gemeinschaft wie auf einem Katholikentag, dann wird nur wieder das Lied volkskirchlicher Vergangenheit gesungen, die aber doch verlorengehe und „an ihr Ende kommt“ (II,36). Somit wäre Reform eigentlich nur die Wiederbelebung dessen, was, in kleinen Gemeinden verkümmert, in Großpfarreien wieder auferstehe. – Und schließlich erklärt Pfeffer auch (III,6-28), dass der eigentliche Reformprozess „jenseits der Strukturfragen“ angesie-delt sei, womit er Strukturreform zwar auf Umorganisation verkürzt, immerhin aber die Notwen-digkeit einer grundlegenden Reform bekennt.

Da Pfeffer „eine grundlegende Krisensituation der Kirche“ (IV,20 wie auch III,14f) als gegeben annimmt, sei eine gründliche Bestandsaufnahme der kirchlichen Situation unabdingbar (vgl. III, 11f), die aber in seinen Ausführungen nur durch vage Formulierungen und Schlagworte angedeutet wird: Die Volkskirche sei an ihr Ende gekommen (II, 36f); die Kirche verliere dramatisch an gesell-schaftlicher Relevanz und Anschlussfähigkeit (III.16f), womit erfreulicherweise die Schuld nicht anderen zugewiesen, sondern selbst angenommen wird. Die Zahl der Gottesdienstbesucher sinke; Inhalte, Erscheinungsbild und Atmosphäre der Kirche würden selbst treuen älteren Kirchgängern zunehmend fremd (III, 16-28).
Insofern ist dann auch nicht verwunderlich, dass die reformerischen Konsequenzen unbestimmt und diffus bleiben, was leider auch in Bezug auf die Ausführungen zum Zukunftsbild der Kirche im Bistum Essen gilt. (Aus unserer Gemeinde war im Juni 2016 dringend empfohlen worden, eine Ar-beitsgruppe des PEP zu diesem Komplex zu bilden – ein Vorschlag, der aber nicht aufgegriffen wurde.) Als Beispiele für auf Wirkung zielende, aber unbestimmt bleibende Formulierungen seien angeführt:

in einem größeren Bezugsrahmen zu denken (I,31),
neue gemeindeübergreifende Erfahrungen zu machen (I,33ff),
als Christen zusammenzurücken, um sich zu stärken (II,37-III;2),
Strukturen zu schaffen, die Verbundenheit erzeugen (III,3),
für innerkirchliche Auseinandersetzungen eine breite Basis zu schaffen (IV,16ff),
einen inhaltlich-geistlichen Konkurs abzuwenden (IV, 32ff),
zentrale Schwerpunkte zu setzen (V,10),
die großen Herausforderungen zu bewältigen (VII,17f),
gemeinsam Kirche zu sein (VII,22f).

Dass die Kirche sich inhaltlich neu ausrichten müsse (IV, 14), ist richtig, aber leider nur plakativ formuliert. Es drängt sich damit wieder der Eindruck auf, dass einfach der Mut fehlt, konkrete Pro-bleme zu benennen und Lösungswege zumindest einmal vorzuschlagen, womit man gesellschaft-liche Anschlussfähigkeit überhaupt erst unter Beweis stellen würde. – Neue Ausrichtung, Be-wegung und Dynamik sind aber zwingend notwendig für

den Entwurf eines Rollenbildes der Frau in der Kirche, das nicht kirchlich reduziert sein kann,
die Entwicklung eines gesellschaftsfähigen Bildes vom Priester, der nicht aus „zweiter Hand“ lebt,
die Verwirklichung von Anhörung, Beteiligung und Mitentscheidung von Laien auf allen Ebenen,
die Glaubensverkündigung in zeitgültigen Denkkategorien und heutger Sprache,
liturgische Konzepte mit Formen und Ritualen, die auch unsere Lebenswirklichkeit abbilden,
die Entwicklung einer Moral von Ge-/Verbotskatalogen hin zu einer Verantwortungsethik,
die Rückbesinnung – in allen Fragen – auf die biblischen Qellen und die Person Jesu und
ein dadurch inspiriertes und vor allem im Leben wirksam werdendes Kirchenverständnis.

Auf dem Hintergrund der oben aufgezeigten inhaltlichen Defizite ist es ärgerlich, eigentlich sogar unzulässig, die Gläubigen, alle doch Kinder Gottes, in ein Zwei-Klassen-System einzusortieren. In die eine Klasse der Erleuchteten wird der eingeführt, „der den damals eingeschlagenen Weg [in Großpfarreien] für richtig“ hält (II,33f) , weil er „einen Gewinn zu ahnen beginnt“ (I,29), der neue „Erfahrungen (wieder) möglich werden“ lässt (I,33); der keine Fluchtgedanken hegt [obwohl Pfef-fer selbst tief in die Idylle eines Besuches seiner sauerländischen Heimat taucht, die ihm die Pracht eines Festes der neuen Großgemeinde präsentiert. Vgl. V,33-54] , sondern mutig nach vorn schaut und sich den Herausforderungen stellt (V,28-32), dessen Einsicht in die Notwendigkeit der Verbun-denheit [in Großgemeinden] gewachsen ist (V,48ff), der exemplarisch neue Versuche wagt, „Kirche für unsere Zeit zu entwickeln“ (VI,31f), damit „sich dann nicht mehr alles – im übertragenen Sinne – um den eigenen Kirchturm, sondern um die Menschen [dreht], denen die Kirchtürme vielleicht gar nicht so wichtig sind.“ (VI,49ff). – In der anderen Klassse der Blinden bleibt sitzen, wer statt dem Aufbruch der Illusion [der Kleingemeinde] erliegt (V,7), zu „einfache Lösungsmuster“ (V,20) sucht, Fluchtgedanken hegt (V,27), „allein auf das bestehende Erbe der Vergangenheit“ schaut (VI,29ff), „die ´eigene´ Kirchenwelt gegen die ´der anderen´ abgrenzen und verteidigen will“ (VI,39ff), engstirnig an Gewohntem festhält (vgl.VI,38-42) und „nicht bereit ist, in einer anderen Kirche als der `eigenen´ den Glauben zu praktizieren“ (VII,52-54). – Diese Gegenüberstellung ist vielleicht nur deshalb nicht verletzend, weil jeder doch erkennt, dass beide Parteien nicht so sind, wie Pfeffer sie malt. – Wir werfen ihm vor, dass er in der Herder-Korrespondenz Werbung macht, statt Aufklärung zu betreiben. Und deshalb fragen wir, eingedenk der nur diffusen Aussagen zur innerkirchlichen Krise, deren nicht konkretisierter Herausforderungen und der nicht explizierten reformerischen Ansätze, in Richtung Verfechter der Pfefferschen Konzeption (in Anlehnung an einen Filmtitel der Fünfzgerjahre): Wissen sie denn überhaupt, was sie tun? – Uns scheinen eine gründlichere Reflexion und Diskussion zwingend geboten, als im vorliegenden Artikel von Pfeffer geliefert, um zumindest im Nachhinein – denn die Entscheidung für Großpfarreien ist gefallen – noch Korrekturen erreichen zu können.
Und danach schreit geradezu der letzte Abschnitt des vorliegenden Artikels mit folgendem Narrativ (VIII,22-34): Ein junges Paar will sich trauen und sein Kind taufen lassen in einer anderen Kirche als der der Wohngemeinde, wird abgewiesen, insistiert aber mit der Begründung, man gehöre keiner (!) Gemeinde an, wolle das auch nicht (!!), „möchte aber gerne Mitglied der katholischen Kirche sein! Geht das eigentlich?“ – Diese „provozierende Frage“ wertet Pfeffer nur so, dass viele Menschen heute „offener, flexibler, vielfältiger“ dächten, weshalb sie in Großsyste-men gut aufgehoben scheinen. Die Frage des Paares aber hätte er hinterfragen müsssen, denn sie ist insofern provozierend, als sie doch weiter zu fragen zwingt, worauf denn dessen Kirchenverständ-nis gründet und wie es dieses realisiert. Würde ein Paar antworten, es hätte sich für die Kirche ent-schieden, in der wir Rezensenten zu Hause sind, weil in dieser Kirche das Kreuz, an dem Christus uns erlöst hat, und der Altar, an dem wir das Gedächtnis unseres Erlösers Jesus Christus feiern, ge-nau im Zentrum des Sakralbaus stehen, weil das Taufbecken direkt am Eingang in die Kirche auf den Eintritt des Täuflings in Christi Kirche verweist, weil das Kirchendach wie eine Zeltkonstruk-tion sich über den Bau bis zum anderen Ausgang wölbt, was auf das Ende unseres Pilgerweges, an dem Christus auf uns zu wiederkommt, hindeuten kann, und weil schließlich dieser Pilgerweg an einer Heiligenwand, die zeitlich Jahrhunderte und räumlich alle Erdteile umspannt, vorbeiführt, dann ist dieses Paar nur in dieser Kirche genau richtig. Aber Pfeffer stellt diese Frage weder sich noch dem Paar.
Allerdings hätte dem Autor an dieser Stelle eigentlich auffallen müssen, dass in seinem Artikel das Wesen von Kirchesein weder genügend reflektiert noch inhaltlich gefüllt wird. Der Begriff Kirche kehrt zwölfmal wieder als Bezeichnung des steinernen Baues, fünfundzwanzigmal bezeichnet er die Gemeinschaft der Gläubigen, sechsunddreißigmal ist von Gemeinde/Pfarrei die Rede – zweimal verliert sich der Name Jesus Christus als Genitiv-Attribut zu Evangelium/ Frohbotschaft in den Satzkonstruktionen (im ersten Votumsentwurf des PEP unserer Pfarrei aber schon überhaupt nicht mehr). Chritus hat nicht abgedankt, aber es bleibt die bange Frage, ob er abgesetzt wurde durch eine Kirche, die sich ernster nimmt als Ihn, auf Den zu hören und zu zeigen doch ihre wichtigste Aufga-be ist.
Verblüffend und erschreckend, wie inbekümmert Pfeffer glaubt, man werde in Großpfarreien „ in einem größeren territorialen Raum sehr vielfältige Kirchenwege für vielfältige [sic] Menschen“ finden. Und beängstigend ist, dass, recht unkritisch, überhaupt nicht angesprochen, geschweige denn reflektiert wird, ob und inwieweit Großpfarreien, statt Vielfalt und Eigenleben zu ermöglichen, durch Zentralismus, Dirigismus und Kontrolle der Einfalt und Uniformität Vorschub leisten. (Dafür könnte man auch so manches Narrativ präsentieren.)

Klaus Pfeffer mag durch seinen Artikel Gleichgesinnte bestätigen und mobilisieren, überzeugen
wird er Andersdenkende nicht. Aber Spielräume lässt auch eine Großpfarrei noch zu, doch die müs-sen andere als Klaus Pfeffer erstreiten und erkämpfen. – Möchten sie den Mut und die Energie dazu aufbringen.

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