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Gastkommentar : Leitkultur und innere Heimatlosigkeit

Petra Bahr
„Leitkulturdebatten brauchen Mut und Ehrlichkeit: Möglicherweise ist das, was wir verteidigen müssten, gar nicht mehr da.“ © Bild: KAS

Durch die Flüchtlinge verändert sich das Land. Wie gehen wir mit dieser kultur-gesellschaftlichen Herausforderung um? Was ist mit „Leitkultur“ gemeint, was macht das Leben in Deutschland aus und was gilt es zu vermitteln?

Von Petra Bahr

Ach, die Leitkultur, möchte man seufzen. Anstatt sie abzuschreiten oder auszumessen und abgestecktes Terrain zu verteidigen, steigt die Temperatur der Debatte schon bei dem Begriff. Ist das Wort missverständlich oder gar böse, oder hat es seine besten Zeiten noch vor sich? Versteckt sich hinter der Forderung eine politische Nostalgie oder der Weckruf zu einer Verteidigung der Freiheit in Zeiten ihrer Bedrohung? Zeigt die Leitkulturdebatte das Ende ruhiger Zeiten an oder flüchten die, die sich in ihr tummeln, nur vor den handfesten Fragen in luftige Metadiskurse? Zu ihrem Gegenstand kommt man dann meistens gar nicht mehr.

Neben CDU und CSU fordern nun auch Linke diese Debatte. Jakob Augstein ging schon vor ein paar Monaten voran, als er auf „Spiegel Online“ keck den Begriff für sich in Anspruch nahm – als hätte es nicht schon vor zehn Jahren eine solche Debatte gegeben. Ein Moratorium über den Begriff entlastet uns nicht vor der Diskussion darüber, wer wir als Einwanderungsgesellschaft sein wollen. Welche Regeln gelten, was ist wichtig? Was hält unsere Gesellschaft zusammen, welches Erbe ist uns anvertraut und von welchen Herkünften entwerfen wir die Zukunft? Leitkulturdebatten sind oft konservativ.

In unsicheren Zeiten ist das nicht die schlechteste Haltung. Konservativ zu sein bedeutet aber gerade kein Rückzug in eine vergangene Welt, in der alles besser sein muss, als es faktisch gewesen ist. Konservativ bedeutet: Das, was sich verändert, als Veränderung genau wahrnehmen. Konservativ zu sein braucht deshalb den liebevollen und den schonungslosen Blick auf unsere Wirklichkeit. Wie hält die Einwanderungsgesellschaft die vielen Lebensformen und Vorstellungen vom guten Leben friedlich aus? Das Konservative an der Leitkultur ist nicht die Angst, Wandel anzuerkennen, sondern der Maßstab, anhand dessen dieser Wandel gestaltet werden soll. Auf welche Regeln ist Verlass? Was müssen wir von denen verlangen, die zu uns kommen – und was von uns selbst? Wie gehen wir mit den kulturellen Prägungen und Traditionen der Menschen um, die bei uns für eine Zeit oder für immer Heimat finden? Wie gehen wir mit den Dunkelkammern unserer Gesellschaft um, ihrem Antisemitismus, ihrem Hass, ihrer Aggression und der Tatsache, dass sich viele auch ohne Fremde ziemlich fremd im eigenen Leben fühlen? Was heißt es, deutsch zu werden?

Leitkulturdebatten, die ihren Namen verdienen, unterlaufen die Unterscheidung von „Ihr“ und „Wir“. Sie fragen nach dem gemeinsamen Horizont. Wir werden uns alle verändern. Kultur ist das, was selbstverständlich ist. Das, was andauernd Bedeutsamkeit entfaltet, ohne dass man es thematisiert. Deshalb ist es gar nicht einfach, jenseits von Recht und Gesetz das Eigene zu bestimmen. Am Gegenbild der Fremden lässt sich Identität nur durch Abgrenzung formulieren. Diese kollektive Identität ist, wie auch im individuellen Leben, reichlich fragil. Sie missbraucht den Anderen als Projektionsfläche der Abgrenzung. Alle Orientierungsnotstände nun bei den Flüchtlingen abzuladen, alle Verlustgefühle, die innere Heimatlosigkeit des Lebens in der Spätmoderne denen anzulasten, die ihre Heimat verlassen müssen, ist nicht nur feige, sondern für eine Identitätspolitik, die ihren Namen verdient, sehr gefährlich. Es könnte nämlich sein, dass das, was wir als Eigenes vermuten, gar nicht mehr dingfest zu machen ist. Es verflüchtigt sich in dem Moment des Besprechens.

Ein syrischer Flüchtling auf einem Podium beschreibt Deutschland nach seinem ersten Eindruck als sehr christlich. Diese Barmherzigkeit, diese netten Polizisten, die keine Frauen treten, die Sonntage, in denen es still wird in der Stadt, die Glocken, die Kreuze, die vielen Kirchen. Ach, sagt der deutsche Gesprächsteilnehmer, der eben noch wortgewaltig vor dem Islam gewarnt hat: „Wir sind zum Glück gar nicht mehr christlich. Wir sind ganz aufgeklärt und gleichberechtigt und schlagen unsere Kinder nicht.“

Leitkulturdebatten brauchen Mut und Ehrlichkeit: Möglicherweise ist das, was wir verteidigen müssten, gar nicht mehr da, weil es uns schon lange nicht mehr wichtig war. Oder wir trauen dem, wovon wir noch selbstverständlich leben, nicht mehr recht über den Weg oder haben es schlicht vergessen. Es ist übrigens selten, dass wir einander zurufen, wie großartig unsere Verfassung ist. Schade eigentlich. Die, die als Fremde zu uns kommen und wissen wollen, wir sie hier leben sollen, haben eine Antwort verdient. Sie nötigen uns aber auch dazu, uns über uns selbst nichts mehr vorzumachen.

Quelle: Herder Korrespondenz 70. Jahrgang (2016), Heft 1, S. 6

Rubrik: Gesellschaftliche Trends

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