„Gender“ hätte in einigen kirchlichen und politischen Gruppierungen gute Aussichten, zum Unwort des Jahres gewählt zu werden. Der Begriff scheint sich für unterschiedlichste Projektionen zu eignen, die vor allem eines verbindet: sie können getrost als ideologisch gebrandmarkt werden. Gender, so heißt es, zerstöre die natürliche, jahrtausendealte Ordnung der Geschlechter und stelle die sexuelle Identität der freien Wahl anheim.

Als Christinnen und Christen sind wir überzeugt, dass Menschen als Mann und Frau als Gottes Ebenbild erschaffen sind. Zu den vielen Facetten unseres je individuellen Frau- oder Mannseins gehören das biologische Geschlecht (Englisch: sex) und das soziale Geschlecht (Englisch: gender) – unsere Geschlechterrolle, die durch Kultur und Konventionen, aber auch durch Entscheidungen wie etwa die Berufswahl geprägt ist. Zur Gottebenbildlichkeit des Menschen gehört unabdingbar auch seine Freiheit!

„Gender“ ist nach wie vor ein Unterscheidungsmerkmal, das – ebenso wie Alter, Religion oder etwa Hautfarbe – Gesellschaften strukturiert und hierarchisiert. Hier setzt die politische Querschnittsaufgabe „Gender Mainstreaming“ an, deren Ziel mehr Geschlechtergerechtigkeit ist.

Lässt man die polemischen Attacken gegen die vermeintliche Gender-Ideologie einmal außer Acht, so steht dennoch häufig die Frage im Raum, wo der Gender-Ansatz an seine Grenzen stößt. Käme jemand auf die Idee zu fragen, wo die Kategorien „Alter“ oder „sozio-ökonomische Lage“ ausgereizt seien? Im politischen Alltagsgeschäft ist es selbstverständlich, dass sie jeweils kontextuell und nicht losgelöst von anderen Faktoren zu betrachten sind.

Dies ist bei Gender nicht anders: Das soziale Geschlecht eines muslimischen Mädchens in Deutschland ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein anderes als im Iran – und ein anderes als das der deutschen Mitschülerin. Für einen körperlich beeinträchtigten Mann können Zuschreibungen von Männlichkeiten eine sehr viel unmittelbarere Wirkmächtigkeit haben als bei einer nichtbehinderten Person. Die Kategorie Gender eröffnet die Chance, unsere soziale Wirklichkeit differenziert wahrzunehmen – eine unabdingbare Voraussetzung für jedes gesellschaftspolitische und kirchliche Handeln!

Gender-Diskurse müssen deshalb auch in der katholischen Kirche geführt werden, weil das Kirchenvolk keine geschlechterhomogene Masse ist. Gläubige suchen als Mütter und Großmütter, als wiederverheiratete Frauen oder alleinerziehende Väter, als Jungverheiratete, Verpartnerte oder Verwitwete in der Kirche Antworten auf ihre spezifischen Fragen und erhoffen Trost und Heilung. Sie alle verbindet, dass sie ihren Glauben in und mit der Gemeinde leben wollen.

Allerdings wirken in der Kirche Geschlechterstereotypen weiterhin oft als Grenzen; selbst ehrenamtliches Engagement, zum Beispiel in Kindergottesdiensten, Verwaltungsratsvorständen, Telefonseelsorge, ist in „männliche“ und „weibliche“ Domänen aufgeteilt. Frauen scheinen zur Diakonie, aber nicht zum Diakonat berufen.

Wegen des Männern vorbehaltenen Amtes sind Geschlechterhierarchien unter Hauptamtlichen klar ausgeprägt. Die Indische Bischofskonferenz hat bereits 2009 eine „Genderpolitik“ verabschiedet; vor zwei Jahren versprachen nun die deutschen Bischöfe, den Frauenanteil in Leitungspositionen zu erhöhen. Inzwischen formuliert das neue „Instrumentum laboris“ der Bischofssy­node, dass die Kirche hier eine Vorbildfunktion übernehmen sollte (Nr. 30).

Dies zeigt einmal mehr, „Gender“ ist kein europäisches, akademisches „Luxusthema“. Ein revolutionäres, ein verunsicherndes Thema? Ja, allerdings – denn zu unseren Werten und Visionen als Frauenbund gehört die Geschlechtergerechtigkeit. Eine sachliche Debatte darüber sollten alle führen, weltweit.