Es gibt wenige katholische Laienchristen aus der ehemaligen DDR, die wichtige politische und kirchliche Positionen im Deutschland nach der Wiedervereinigung bekleidet haben. Zu ihnen gehört der 1936 in Rostock geborene Hans Joachim Meyer, der in den drei Kabinetten von Kurt Biedenkopf von 1990 bis 2002 als sächsischer Wissenschaftsminister amtierte und außerdem von 1997 bis 2009 als bisher einziger Ostdeutscher Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken war. In der Endzeit der DDR war er Vorsitzender des „Gemeinsamen Aktionsausschusses katholischer Christen“ sowie Minister für Bildung und Wissenschaft unter Lothar de Maizière.

Jetzt hat Hans Joachim Meyer einen umfangreichen Band vorgelegt, in dem er sein politisches und kirchliches Engagement Revue passieren lässt. Es handelt sich nicht um Memoiren im eigentlichen Sinn; so gibt es keinen ausführlichen Rückblick auf Herkunft, Kindheit und Jugend, und auch bei den Ausführungen zu den aktiven Jahrzehnten tritt – durchaus seinem Naturell entsprechend – die Privatperson hinter der „Amtsperson“ Meyer fast völlig zurück. Das Schwergewicht liegt zumindest quantitativ auf den Jahren als sächsischer Minister, in denen die Hochschullandschaft wie die Kulturförderung im Freistaat unter zunehmenden Haushaltszwängen neu zu ordnen waren. Dabei geht Meyer mit westdeutscher Besserwisserei und Arroganz sehr deutlich ins Gericht; auch seine Bilanz der „Einheit durch Beitritt“ (167-210) ist von Sachlichkeit und Nüchternheit geprägt.

Leser aus katholischen, in ihrer Kirche engagierten Kreisen dürften vermutlich weniger die aus erster Hand dargestellten Irrungen und Wirrungen sächsischer Wissenschafts- und Kulturpolitik interessieren als die Bilanz, die Hans Joachim Meyer im Kapitel „Von Diaspora zu Diaspora“ (622-747) zu seiner Zeit als ZdK-Präsident zieht. Er nimmt auch hier kein Blatt vor den Mund, auch nicht in seinen Urteilen über Personen, und lässt sich von klaren Grundüberzeugungen leiten, die schon in seinen DDR- Erfahrungen verwurzelt sind. Dazu gehört das Bekenntnis zu einem eigenständigen Engagement katholischer Laien in Gesellschaft und Kirche, das Hierarchiegläubigkeit ebenso vermeidet wie die Flucht in die überschaubare, praxisferne Gruppe von Gesinnungsgenossen. In diesem Sinn verteidigt er das im europäischen Vergleich einzigartige Zentralkomitee der deutschen Katholiken und auch die von diesem getragene Institution der Deutschen Katholikentage: „Wer sagt, Strukturen seien völlig unwichtig, ist in Wahrheit gegen wirklichen Wandel“ (650). Wohltuend ist nicht zuletzt Meyers realistische Sicht der evangelisch- katholischen Ökumene, die er in seinen Ausführungen zu den beiden Ökumenischen Kirchentagen von 2003 und 2010 erkennen lässt.

Der frühere ZdK-Präsident und sächsische Minister war in seinen Ämtern mit seiner Mischung aus unterkühlter Sachlichkeit und Streitlust immer ein unbequemer Zeitgenosse, sei es für seine Partei, für seine Kollegen und Mitarbeiter, nicht zuletzt für seine Kirche. An den Schluss seines Erinnerungsbandes stellt er die Mahnung, die als Motto über dem Buch stehen könnte: „Freiheit und Demokratie gelingen nur als ständige ethische und kulturelle Anstrengung“ (765).

Hans Joachim Meyer: In keiner Schublade. Erfahrungen im geteilten und vereinten Deutschland. Verlag Herder, Freiburg 2015. 775 S. 36,00 € (D).