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Eine Kampagne der kroatischen Bischöfe als Beispiel : Der Begriff „Gender“ als Anathema

Im Septemberheft 2014 der Herder Korrespondenz (457- 462) setzte sich der in Wien lehrende theologische Ethiker Gerhard Marschütz mit der in jüngster Zeit in der Kirche häufig geäußerten Kritik an der vermeintlichen „Gender-Ideologie“ auseinander. Im Zentrum seiner Kritik an dieser „Ideologiekritik“ stand dabei das Buch der Publizistin Gabriele Kuby „Die globale sexuelle Revolution“. Kuby entgegnete Marschütz im Novemberheft 2014 (590-593). Im Folgenden setzt sich die Theologin und Ordensfrau Jadranka Schwester Rebeka Anić mit der Debatte um die „Gender-Ideologie“ in Kroatien auseinander.

In den vergangenen zwei Jahren haben einige Bischofskonferenzen, unter anderen die Polnische, die Portugiesische, die Slowakische, die Ungarische sowie die Bischöfe Norditaliens, aber etwa auch Vitus Huonder, der Bischof von Chur (Schweiz) in öffentlichen Stellungnahmen vor den Gefahren der „Gender-Ideologie“ gewarnt. Während der im Oktober letzten Jahres in Rom stattfindenden Außerordentlichen Bischofssynode zur Familie veröffentlichte auch die Kroatische Bischofskonferenz eine diesbezügliche Erklärung.

Konzipiert als Botschaft an die Jugend trägt sie den Titel „Als Mann und Frau erschuf er sie“ (www.mladi.hbk.hr/article.php?id=1475). Sowohl der Zeitpunkt der Veröffentlichung als auch der Inhalt dieser Botschaft an die Jugend ist bedeutsam. Für ein angemessenes Verständnis des Textes sind ebenso der gesellschaftspolitische Kontext in Kroatien, der bereits seit einigen Jahren von einer Debatte über die „Gender-Ideologie“ geprägt ist, aber auch die Bedeutung vatikanischer Dokumente und Aussagen zu diesem Thema zu berücksichtigen.

Im Umfeld des im Jahr 2008 von der kroatischen Regierung beschlossenen Antidiskriminierungs-Gesetzes wurde die kirchliche Öffentlichkeit Kroatiens erstmals mit dem Begriff „Gender“ konfrontiert. Aber erst im Jahr 2013, als man in Kroatien in den Schulen das Fach Gesundheitserziehung mit einem Modul „Sexualkunde“ als Pflichtgegenstand einführte, entzündete sich eine heftige Diskussion über das Gender-Thema. Diese war durch das traditionell hohe Misstrauen von Seiten der Kirche gegenüber dem Feminismus bestimmt, ebenso aber auch von ideologisch-gesellschaftlichen Divergenzen und eben den Gegnern der „Gender-Ideologie“, letztere stark unterstützt von einschlägigen kirchlichen Dokumenten.

Eine starke Abneigung gegenüber dem Gender-Konzept

In Kroatien ist der Begriff „Feminismus“ weitgehend negativ besetzt, wobei es aber oft an genauerer Kenntnis über feministische Bewegungen, feministische Theorien und feministische Theologien fehlt. Das trifft besonders auch auf kirchliche Kreise zu. Für diese galt schon der Feminismus der vorsozialistischen Ära, also vor dem Zweiten Weltkrieg, als ideologisches Instrument der Kommunisten, Liberalen und Freimaurer zur Zerstörung von Familie, Volk und Kirche.

In der sozialistischen Phase nach Ende des Krieges sah man kirchlicherseits im Feminismus ausschließlich eine kommunistische „Keule“ gegen die Familie, die Nation und die Kirche. Dabei wurde stets übersehen, dass auch von der Kommunistischen Partei der Feminismus abgelehnt und als westliche, bourgeoise Ideologie denunziert wurde. Nach der demokratischen Wende im Jahr 1991, besonders während des kroatischen Verteidigungskrieges, wurden feministische Organisationen wegen ihrer angeblichen anti-nationalen Einstellung angegriffen.

Die kroatische Literatur zum Begriff „Gender“ ist überwiegend feministischer Provenienz. All das führte zu einer starken Abneigung gegenüber dem Gender-Konzept, über dessen theoretische Grundlagen jedoch große Unkenntnis besteht, weil Gender-Studies in katholischen Kreisen (auch von Theologen) nicht gelesen und somit nicht rezipiert werden.

Die gegenwärtige Haltung der katholischen Kirche Kroatiens zum Gender-Konzept ist vor allem aber auch beeinflusst durch die Tatsache, dass die öffentlich geführte Gender-Debatte einen Dauerkonflikt-Thema zwischen der oppositionellen politischen Rechten und der regierenden Linken darstellt. Besonders weil nach der demokratischen Wende viele belastete Mitarbeiter nicht aus ihren öffentlichen Ämtern entfernt wurden, besteht ein weitverbreitetes Misstrauen, dass sich hinter den kroatischen Sozialdemokraten nur ideologische Nachfolger der Kommunisten verbergen (vgl. HK, Februar 2014, 102-106). Die Spannungen zwischen der Kirche und der sozialdemokratischen Regierungspartei haben sich darüber hinaus besonders über die Einführung des Sexualkundeunterrichts im Rahmen der schulischen Gesundheitserziehung weiter verschärft.

Befindet sich Kroatien im Kultur-Krieg?

Dieses als „liberales Modell der Sexualkunde“ kritisierte Unterrichtsmodul wurde seitens der Kirche und katholischer Elternvereine für unakzeptabel erklärt und abgelehnt. Der Kultusminister führte das Programm trotzdem in den Schulen ein. Da er hierbei die gesetzlich vorgeschriebenen Fristen für die fachgerechte Bewertung des Programms sowie für die öffentliche Diskussion nicht beachtete, kam es zu einem regelrechten Aufruhr in kirchlichen Kreisen. In diesem Zusammenhang entstand auch die Rede vom „Kultur-Krieg“, der nunmehr in Kroatien ausgebrochen sei.

Den Begriff „Kultur-Krieg“ (culture war) prägte der US-amerikanische Soziologe James D. Hunter für jene Konflikte in der amerikanischen Gesellschaft, die über die Frage entstehen, ob man sich an religiösen oder säkularen Werten orientieren solle (Culture Wars. The Struggle to Define America, 1991). Hunters Thesen erfuhren vielfach Kritik, diese wurde aber in wissenschaftlichen Arbeiten in Kroatien kaum rezipiert. Stattdessen griffen viele Politiker den Begriff „Kultur-Krieg“ auf, weil er ihnen zur Beschreibung der Atmosphäre in der kroatischen Gesellschaft, aber auch für die Diskussion um die Gender-„Ideologie“, sehr geeignet schien.

Jeder Krieg aber erfordert Homogenisierung der Gesellschaft, Bewaffnung und die Definition von Feinden, die es zu besiegen gilt. Zur Homogenisierung bedarf es auch starker, einprägsamer Begriffe: Die Gender-„Ideologie“ erwies sich als ein solcher.

Die katholische Kirche fand in dieser Situation des vermeintlichen „Kultur-Krieges“ grundlegend Unterstützung durch zwei ins Kroatische übersetzte Bücher von Gabriele Kuby: „Die Gender Revolution. Relativismus in Aktion“ (Nova ideologija seksualnosti. Izazovi i opasnosti gender revolucije, Split 2010) und „Die globale sexuelle Revolution“ (Svjetska seksualna revolucija, Zagreb 2013). Die beiden Bücher galten als geeignete Literatur zur Erklärung des Begriffes „Gender“ und zur Verdeutlichung der Gefahren der Gender-„Ideologie“.

Die kirchliche Hierarchie übernahm bereitwillig Inhalte und Argumente: Etwa die These Kubys, demnach sich die Gender-„Ideologie“ aus dem Marxismus heraus entwickelt hat und diese Schuld an allen Übeln der Gegenwart trägt, von der Zerstörung der menschlichen Natur bis hin zu Pädophilie und Abtreibung. Übernommen wurde Kubys Behauptung, dass Gender ein Deckname für die Propagierung der Homosexualität sei. Die katholische Kirche müsse darum, wie Kuby schreibt, „der Todfeind“ der Gender-Revolutionäre und all ihrer Anhänger, Nutznießer und Mitarbeiter sein.

Kubys Bücher regten auch zu weiteren Publikationen zur Gefahr der Gender-„Ideologie“ in katholischen Zeitschriften oder auf Homepages von einschlägigen Netzwerken sowie zu zahlreichen Podiumsvorträgen an. An einigen dieser Podiumsveranstaltungen nahm Kuby persönlich teil. Einzelne Bischöfe hielten Vorträge über die Gefahren der Gender-„Ideologie“, beispielsweise vor Schuldirektoren. In der katholischen Wochenzeitung „Glas Koncila“ (Stimme des Konzils) erschien etwa ein Artikel über die Gender-„Ideologie“, in dem diese als eine Abart des Rassismus vorgestellt wurde (www.glas-koncila.hr/index.php?option=com_php&Itemid=41&news_ID=21665). Und so eine gefährliche Ideologie habe die sozialdemokratische Regierung – die vermuteten Kommunisten also –, mit dem Programm der Sexualerziehung ins kroatische Bildungssystem eingeführt; die Existenz des kroatischen Volkes und seines Staates sei gefährdet.

Die Interpretation der Gender-„Ideologie“ als „Chiffre für Homosexualität“ erwies sich auch als nützlich bei der im Jahr 2013 durchgeführten Unterschriftensammlung. Bei dieser Volksabstimmung ging es um die Festschreibung der Ehe als „Gemeinschaft von Mann und Frau“ in der kroatischen Verfassung. Die vom katholischen Verein „U ime obitelji“ („Im Namen der Familie“) initiierte Unterschriftenaktion, die von der katholischen Kirche massiv unterstützt wurde, wollte per Volksentscheid die rechtliche Gleichstellung homosexueller mit heterosexuellen Lebensgemeinschaften verhindern.

Infolge dieser ideologischen Konflikte und der Inhalte, die der Gender-„Ideologie“ zugeschrieben werden, ist man in Kroatien allein schon durch die Verwendung des Begriffes „Gender“ dem Verdacht ausgesetzt, der Gender-„Ideologie“ anzuhängen. Wer aber der Gender-„Ideologie“ anhängt, betreibt zugleich die Auflösung christlicher Werte. Jeder Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen von Gabriele Kuby, die Dekonstruktion der Genese der vermeintlichen Gender-„Ideologie“ gilt als Verrat und wird entsprechend vehement attackiert, insbesondere, weil die katholische Kirche darin eine Schwächung ihrer Position im Kampf gegen die Einführung der Sexualkunde und für den positiven Ausgang des Referendums sieht.

Allerdings stellt sich die Frage, ob Kuby eine so vorbehaltlose Unterstützung durch die kirchliche Hierarchie in Kroatien erfahren hätte, wenn das in ihren Büchern ausgebreitete Gedankengut zur Gender-„Ideologie“ nicht auch schon in kirchliche Dokumente Eingang gefunden hätte. Hierzu gehören Stellungnahmen des Heiligen Stuhles, eine Ansprache von Papst Benedikt XVI. (vgl. HK Spezial, „Leibfeindliches Christentum. Auf der Suche nach einer neuen Sexualmoral“, Nr. 2/2014, 20-24 und HK, September 2014, 457-462). Auch der Artikel über die Gender-„Ideologie“ im Lexikon des Päpstlichen Rates für die Familie, das mit dem Imprimatur der Glaubenskongregation erscheinen durfte, spielt sicher eine Rolle (Pontificio consiglio per la famiglia, Lexicon. Termini ambigui e discussi su famiglia, vita e questione etiche, Nuova edizione ampliata, Bologna, 2006). Zweifellos aber genießt Kuby auch im Vatikan großen Einfluss.

Libertäre und Konservative im gemeinsamen Kampf gegen den Gender-Feminismus

Die Kritik am Gender-Konzept nahm nach der Vierten internationalen Frauenkonferenz in Bejing (1995) an Vehemenz zu und war Teil einer antifeministischen Kampagne. Der Begriff „Gender“ passte zur Stoßrichtung dieser Kampagne, da innerhalb der zweiten Feminismus-Welle „Gender“ eine Schlüsselrolle spielte. Mit der Diskreditierung des Begriffes „Gender“ sollte letzten Endes der gesamte Feminismus getroffen werden.

Barbara L. Marschall verortet in Nordamerika zwei Stoßrichtungen der Anti-Gender-Kampagne, die dennoch in einigen wichtigen Punkten konform gehen. Eine Linie der Kritik lässt sich zu den Libertären verfolgen, eine zweite zu den Konservativen und Fundamentalisten. Nach Marschall besagt „Gender“ für die Konservativen die Leugnung der „natürlichen“ Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Demgegenüber denunzieren die Libertären den „Gender-Feminismus“ als marxistische Ideologie, die nicht die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, sondern den Geschlechter- (Klassen-) Kampf zugunsten der Frauen anstreben. Beide Strömungen eint aber die Überzeugung, beim Gender-Feminismus handle es sich um eine Verschwörung, einen Geheimplan, um eine Chiffre für eine geheim gehaltene Agenda. Beide wollen die Ablehnung des Begriffs „Gender“ und „Gender-Analyse“ als Verteidigung des (männlichen) Individuums verstanden wissen (Configuring Gender. Explorations in Theory and Politics, Peterborough 2000, 100-117).

Die konservativ-fundamentalistische Kritik findet sich, nach Marschall, konzise dargestellt im Essay der katholisch-konservativen Amerikanerin Dale O‘Leary „Gender: the Deconstruction of Women“, der unter den Delegierten der Frauenkonferenz in Bejing kursierte. Die Thesen des Essays hat O‘Leary in ihrem Buch „Gender Agenda“ (Louisiana, 1997) weiter ausgearbeitet.

Vollinhaltlich übernahm Kardinal Oscar Alzamora Revoredo diesen Essay in seinem Artikel „Ideologia di genere: paricoli e portate“, der in das Lexikon des Päpstlichen Rates für die Familie Eingang fand (545-560). Ziel der Gender-Perspektive sei, nach O‘Leary, die Verringerung der Einwohnerzahlen, die Propaganda des sexuellen Genusses, die Leugnung der Unterschiede zwischen Mann und Frau, die Einführung einer 50:50-Quotenregelung und volle Arbeitszeit für Frauen, um sie an der Übernahme der Mutterrolle zu hindern, ebenso die frei zugängliche Empfängnisverhütung, Legalisierung der Abtreibung, Propaganda für Homosexualität; hinzukommt ein Sexualkundeunterricht für Kinder, welcher das Elternrecht auf Erziehung untergrabe.

Die Gender-Perspektive hält O‘Leary für eine neomarxistische Interpretation der Weltgeschichte und daher für eine „Geschlechter- und Klassenrevolution“ der Frauen gegen die Männer. Entsprechend bezeichnet sich – völlig zu Unrecht – die Agenda der Vierten internationalen Frauenkonferenz mit ihren gender-bezogenen Thesen als verschleierte Propaganda für Abtreibung und Homosexualität (ausführlicher dazu: Rebeka Anić, Concilium 48.4 [2012] 373-382).

Wer den Gender-Begriff benutzt, bekennt sich zur Gener-„Ideologie“

„Genderfeindliche“ Einlassungen finden sich auch im deutschen Sprachraum. Wortführer sind Volker Zastrow mit seinem Artikel „‚Gender Mainstreaming‘ Politische Geschlechtsumwandlung“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Juni 2006), sowie René Pfister mit seinem Aufsatz „Der neue Mensch“ (Der Spiegel, 30. Dezember 2006). In diesen Artikeln werden nicht bestimmte politische Strategien einer gendergerechten Politik analysiert, sondern „Gender“ fungiert hier gewissermaßen als leerer Korb, der nach Belieben mit unterschiedlichen Thesen gefüllt werden kann. Für das Verständnis der bischöflichen Stellungnahmen ist insbesondere Zastrows Behauptung wichtig, wonach „Gender Mainstreaming“ nach dem „Kaderprinzip“ funktioniere, wie es „für die Führung der Napoleonischen Wehrpflichtarmee ersonnen und von den russischen Bolschewiki weiterentwickelt wurde“. Mit einer solchen Interpretation und der These von der politischen Produktion „des neuen Menschen“ gerät Zastrows Gender-Konzept assoziativ in die Nähe von Militärregimes und totalitären Staaten.

Kuby kompiliert in ihren Arbeiten die „genderfeindlichen“ Einlassungen von Zastrow, Pfister oder auch von Dale O‘Leary sowie anderen Autoren. Sie kann sich dabei kirchlicher Unterstützung gewiss sein, da ihre gender-feindlichen Thesen bereits von der Kirche rezipiert wurden. Andererseits dienen Kubys Schriften den Bischöfen als Quelle für ihre Erklärungen zur Gender-„Ideologie“. In den einschlägigen Botschaften findet sich etwa die These, es sei unmöglich, den Begriff „Gender“ zu benutzen, ohne sich zur Gender-„Ideologie“ zu bekennen. Weiterhin verorten beispielsweise slowakische Bischöfe hinter „so edlen Begriffen“ wie „Geschlechtergleichheit“ die „Kultur des Todes“ oder das Bestreben, „eine sodomitische Ideologie“ durchzusetzen.

Die polnischen Bischöfe unterstellen der Gender-„Ideologie“ das Bestreben, schrittweise das Recht auf Euthanasie oder Eugenik durchzusetzen, das heißt die Beseitigung kranker, schwacher, behinderter Personen zu erkämpfen. Der polnische Bischof Tadeusz Pieronek sieht in der Gender-“Ideologie“ eine weitaus größere Gefahr als im Nationalsozialismus und Kommunismus zusammengenommen (www.nytimes.com/2014/01/27/opinion/sierakowski-the-polish-churchs-gender-problem.html?_r=3). Solche Behauptungen führen dazu, dass sowohl der Begriff „Gender“ als auch der Dialog mit den Gender-Theorien und einer gender-bewussten Politik gemieden werden.

Wollten die kroatischen Bischöfe auf die Familiensynode Einfluss nehmen?

Auch die kroatischen Bischöfe bringen die Gender-“Ideologie“ in Zusammenhang mit totalitären Regimes, indem sie ihr anlasten, den „neuen Menschen“ kreieren zu wollen. Auch sie betonen, dass man unmöglich den Begriff „Gender“ benutzen könne, ohne selbst Anhänger dieser Ideologie zu sein. Damit unterbinden die Bischöfe jegliche Debatte über Männer- und Frauenrollen, vor allem auch die Frage nach der Zulassung von Frauen zu kirchlichen Ämtern. Leitidee ihrer Botschaft ist das Bestreben nach Aufrechterhaltung der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern sowie überlieferter unterschiedlicher Verhaltensnormen als göttliches Gebot. Da Gott sie als Mann und Frau erschuf, gab er ihnen angeblich auch ihre unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft vor. Die Bischöfe sprechen in diesem Zusammenhang von einem „Naturgesetz“. Sie behaupten, dass die einzig richtige Definition der menschlichen Natur in der Heiligen Schrift zu finden sei – ungeachtet der Tatsache, dass es in der Bibel eine solche Definition nicht gibt.

Obwohl die kroatischen Bischöfe bei der Präsentation ihrer Erklärung betonten, dass es darin um die Gender-Theorie an sich gehe, findet sich nirgendwo in diesem Dokument eine argumentative Auseinandersetzung mit entsprechenden Theorien, noch mit einer gender-bewussten Politik. Nicht nur, dass die Bischöfe diese beiden Bereiche nicht unterscheiden, sie interpretieren auch die Zitate einzelner Autorinnen und Autoren (beispielsweise von Simone de Beauvoir) falsch. Statt auf einzelne Gender-Theorien einzugehen, werden nur die vorstehend zitierten Thesen zur Gender-“Ideologie“ wiedergegeben, wobei ein ausgesprochen dualistisches Verhältnis gegenüber der Wirklichkeit zum Ausdruck kommt.

Dieses Vorgehen bezeugt etwa der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Zagreb, Tonči Matulić in seinem Kommentar zur Botschaft. Ausdrücklich lobt er die Bischofe dafür, dass sie sich nicht mit der einen oder anderen wissenschaftlichen Theorie zu Gender befassen, sondern grundlegend die „diabolischen Tücken“ (perfidiae diaboli) aufzeigen und demaskieren, welche schon für sich beweisen, wie „jämmerlich“ die so genannte Gender-Ideologie sei. Schamlos propagiere sie Thesen, die bereits in das Schul- und Bildungswesen eingeschleust wurden (http://www.bitno.net/vijesti/hrvatska/biskupi-su-ovim-dokumentom-raskrinkali-davolsko-lukavstvo-rodne-ideologije-koja-zeli-unistiti-identitet-covjeka/).

Die Botschaft zur Gender-„Ideologie“ aber wurde von den kroatischen Bischöfen nicht während der erwähnten Diskussionen über die Einführung der Gesundheitserziehung und über das Referendum betreffend der Definition von Ehe veröffentlicht. Sie erschien erst nach dem erfolgreichen Ausgang des Referendums und damit drei Monate nach der Ablöse des Kultusministers, der die schulische Gesundheitserziehung durchgesetzt hatte und einer kirchenfeindlichen Haltung, besonders der katholischen Kirche gegenüber, beschuldigt wurde. Sein Nachfolger gab sich konzilianter und dialogbereiter. Er zeigte sich sogar willens, die kirchlichen Stellungnahmen zum Programm der Gesundheitserziehung zu berücksichtigen.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung der bischöflichen Botschaft fiel mit der Vorbereitung zur Außerordentlichen Bischofssynode in Rom zusammen. Im „Instrumentum laboris“ der Synode wird hinsichtlich der Gender-„Ideologie“ auch die Notwendigkeit betont, „über die allgemeine Verurteilung hinauszugehen, um auf diese Position (…) begründet und auf angemessene Weise reagieren zu können“ (127). Die kroatischen Bischöfe berücksichtigten weder diese Notwendigkeit noch warteten sie das Ende und den Abschlussbericht der Synode (Relatio Synodi) ab. Haben die Bischöfe ihre Botschaft vielleicht deshalb vor Abschluss der Synode verlautbart, weil sie befürchten mussten, dass die Gender-„Ideologie“ in der „Relatio Synodi“ nicht mehr explizit vorkommt, was auch der Fall war? Wollten sie damit nur sichergehen, ihre bereits feststehende Einstellung aufrechterhalten zu können? Was sagt diese Vorgehensweise über die Einstellung des kroatischen Episkopates zur Synode aus?

Warum fragt die Amtskirche nicht Theologinnen und Theologen?

Im Unterschied zu Bischofskonferenzen in anderen Regionen war die Botschaft der kroatischen Bischöfe zur Warnung vor den Gefahren der Gender-„Ideologie“ an die Jugendlichen adressiert. Die Frage ist aber, ob sie auf diese Weise den Jugendlichen optimalen Schutz und Orientierung bieten kann, oder ob diese nicht eher zur selbstständigen Erkundung und Beurteilung in einer sich immer rapider wandelnden Welt befähigt werden sollten. Vor allem aber kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Jugendlichen mit dieser Botschaft instrumentalisiert werden. Denn angesichts ihres doktrinären und nicht bloß pastoralen Charakters betrifft diese Botschaft konsequenterweise auch „Erwachsene“, also vor allem auch Theologinnen und Theologen und Mitarbeiter in kirchlichen Diensten, besonders jene im Erziehungswesen.

Da der Begriff „Gender-Ideologie“ alle Fragen der Sexualmoral und der Gleichberechtigung von Frauen und Männern einschließt, ist fortan jede theologische Diskussion über diese Themen außerhalb des vom Begriff Gender-“Ideologie“ vorgegebenen Rahmens ausgeschlossen. Wissenschaftliche Aufsätze kroatischer Theologen in Fachzeitschriften beweisen, dass die Anathematisierung des Begriffes „Gender“ bereits Wirkung zeigt.

Völlig unkritisch übernehmen die Autoren die Thesen der genderfeindlichen Kampagnen (zum Beispiel Domagoj Matić/Ivan Koprek, „Bioetička i ideološka pozadina ,rodne teorije‘“, in: Obnovljeni život, 69.3 [2014] 381-392). Dagegen bleiben die wenigen – auch in kroatischer Sprache vorliegenden – wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit den Thesen von Gabriele Kuby weitgehend unberücksichtigt (etwa der ins Kroatische übersetzte Artikel von Gerhard Marschütz „Trojanisches Pferd Gender?“ in: Nova prisutnost 22.2 [2014] 181-203).

Die genderfeindliche Kampagne in Kroatien ist noch voll im Gange. Dennoch: Die Antwort auf die Frage, was nach der Kampagne gegen die Gender-„Ideologie“ kommt, wird lauten: „Gender“. Früher oder später wird sich die Kirche im Interesse ihrer Glaubwürdigkeit mit den tatsächlichen statt mit den vermeintlichen Inhalten des Begriffes Gender, der Gender-Theorien und gendergerechter Politik auseinandersetzen müssen. Zahlreiche Theologinnen und Theologen beschäftigen sich bereits mit diesen Themen. Warum aber werden diese von Vertretern der Amtskirche für ihre Erklärungen und Dokumente nicht konsultiert, sondern unkritisch katholischen Autoren und Aktivisten geglaubt, von denen viele, wie etwa Gabriele Kuby, über keine wissenschaftliche theologische Grundlage verfügen?

Quelle: Herder Korrespondenz 69. Jahrgang (2015), Heft 3, S. 157-161

Rubrik: Theologie aktuell

1 Kommentar

Von am

Der Teufel ist historisch. Die Macht zu definieren ist patriarchal und darf hinterfragt werden.

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