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Ein Gespräch mit dem Medienethiker Alexander Filipović : „Als moralische Autorität eine größere Fallhöhe“

Das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und den säkularen Medien wird immer wieder von wechselseitigen Vorwürfen und Missverständnissen belastet. Woran dies liegt, was die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit effizienter machen könnte und welche Ausrichtung das kirchliche Medienengagement selbst künftig haben soll, darüber sprachen wir mit dem Münchner Medienethiker Alexander Filipović. Die Fragen stellte Alexander Foitzik.

HK: Herr Professor Filipović, zuletzt war es wohl die Causa Limburg, der Fall Tebartz-van Elst, in dem sich wieder einmal das schwierige Verhältnis zwischen den Medien und der Kirche beziehungsweise ihrer Leitung gezeigt hat; noch schlimmer war es vor fünf Jahren bei der Aufdeckung des Missbrauchsskandals. Wo man auf der einen Seite quasi reflexhaft eine neuerliche Medienkampagne gegen die Kirche behauptet, heißt es auf der anderen Seite ebenso reflexhaft, die Kirche verstehe eben nicht die Gesetzmäßigkeiten der Medienöffentlichkeit in einer modernen, demokratisch-verfassten Gesellschaft. Was ist dran an beiden Vorwürfen? Und wem ist dieses komplizierte Verhältnis nun stärker anzulasten, den Medien oder der Kirche?

Filipović: Es mutet in der Tat fast schon wie ein Naturgesetz an, dass beide Seiten sich regelmäßig wechselseitig Unverständnis vorwerfen. Ich würde aber zunächst die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kirche und Medien einordnen in die nach dem Verhältnis zwischen gesellschaftlichen Organisationen und der demokratischen Öffentlichkeit überhaupt. Da gibt es solche Konflikte fast immer. Bezüglich der Kirche sehe ich aber auch ein paar spezielle Aspekte, in dem Sinne, dass sich Kirche auch abzusetzen versucht von den Regeln einer modernen oder postmodernen Öffentlichkeit, sie etwas Eigenes sein will. Man will beispielsweise einen eigenen Öffentlichkeitsbegriff theologisch selbst definieren. Das führt dann noch zu größeren Konflikten als bei anderen Organisationen. Aber im Grund sollte man dies alles nicht gleich so ernst nehmen. Wir beobachten hier ein konfliktives Verhältnis, das so sein muss, weil eben die demokratische Öffentlichkeit und der Journalismus dieser demokratischen Öffentlichkeit anders funktionieren als die Kirche mit ihren Eigengesetzlichkeiten.

HK: Gibt es aber beispielsweise auf Seiten der Journalisten und Medienschaffenden doch auch so etwas wie falsche oder zumindest übertriebene Erwartungen an die Kirche, etwa was Transparenz angeht?

Filipović: Dass die Erwartungen in Sachen Transparenz gegenüber einer Organisation immer größer sind, als diese selbst von sich aus anderen zugestehen will, ist auch ganz normal. Welches Wirtschaftsunternehmen will denn die eigenen Vermögenswerte, den Unternehmensbesitz kommunizieren? Da können Journalisten tausendmal anrufen, wenn man nicht muss, gibt man so etwas nicht preis – auch wenn die Veröffentlichung des Besitzes im Falle eines großen Unternehmens für die demokratische Öffentlichkeit durchaus relevant ist. Die Erwartungen der Medien sind hier gleichsam immer überzogen und dagegen darf sich eine Organisation wehren, auch die Kirche. Aber natürlich kommt es auch hier auf das Selbstverständnis einer Organisation an. Wenn man sich selbst versteht als Teil dieser Gesellschaft und die Regeln dieser Gesellschaft akzeptiert, sich auch als Akteur innerhalb dieser Gesellschaft Gehör verschaffen will, muss man auch den üblichen Transparenz-Anforderungen gerecht werden.

HK: Gerade an diesem Punkt scheinen beispielsweise die Bistumsleitungen nach den Geschehnissen am Limburger Domberg dazugelernt zu haben…

Filipović: Gerade was ihr Vermögen angeht, kommuniziert die Kirche heute viel stärker. Anders war das zunächst im Kontext des Missbrauchsskandals oder etwa in der Debatte über den Umgang mit Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen. Zu kritisieren ist hier, dass dieses Kommunizieren oft schleppend geschieht, die Scheibchentaktik bei der Information der Öffentlichkeit, maulfaule Dementis am Anfang und dieses immer nur stückweise Zugeben eigener Fehler. Das ist alles andere als geschickt. Aber auch die katholische Kirche hat das Recht zu sagen, wenn etwas zu weit geht. Beispielsweise, wenn Journalisten nach dem Motto „Deutschland sucht den ärmsten Bischof“ die Badewannen des deutschen Episkopates inspizieren wollen. Aber umgekehrt gilt auch: Die katholische Kirche ist sehr reich und behauptet von sich, eine arme Kirche für die Armen sein zu wollen. Da darf schon mal nachgefragt werden.

„Kritik aus der Perspektive eines stabilen katholischen Milieus“

HK: Ist denn etwas dran an dem oft gehörten Vorwurf, dass es innerhalb der säkularen Medienlandschaft eine besondere Beißlust gegenüber der katholischen Kirche gibt?

Filipović: Beißlust ist da vermutlich der richtige Ausdruck. Es ist das doch immer gleiche Drama. Eine moralische Autorität macht einen Fehler, die Fallhöhe ist enorm und die Geschichte, die daraus entsteht einfach gut. Aber auch das ist ganz normal. Die Kirche stellt eben tatsächlich eine moralische Autorität dar, die auch gehört wird in unserer Gesellschaft, etwa wenn es um Fragen der sozialen Gerechtigkeit geht oder um den Schutz der Menschenrechte. Und sie verfügt mit Recht über diese Autorität, weil sie sich auch in der Praxis einsetzt für diese Themen. Dieser Einsatz ist ein Pfund, mit dem die Kirche wuchern kann und tatsächlich auch wuchert. Wenn dann aber einzelne Vertreter oder auch die Kirche als Ganze Fehler machen, moralisches Fehlverhalten zeigen, dann ist auch klar, dass die Journalisten aufspringen.

HK: Kirchlicherseits beklagt man auch eher eine gewisse Unverhältnismäßigkeit…

Filipović: Da gibt es tatsächlich auch Übersteigerungen, Überbelichtung, nicht nur, was die Kirche angeht. Nehmen Sie nur die Fälle Wulff oder Hoeneß. Da rennen die Journalisten mehr oder weniger blind dem Scoop hinterher und dabei wird übertrieben berichtet. Aber es gibt auch die generelle Tendenz: Je größer die moralische Autorität umso größer auch die Fallhöhe. Und natürlich ist die katholische Kirche auch insgesamt attraktiv für die Medien, wegen ihres farbenfrohen Erscheinungsbildes, aber auch wegen ihrer altertümlich wirkenden Sexualmoral. Vieles von dem, worüber man sich kirchlicherseits aufregt, lässt sich jedenfalls abbuchen als aktuelle Tendenzen im Journalismus, in den Medien insgesamt. Das heißt aber nicht, dass diese Tendenzen medienethisch nicht zu kritisieren wären.

HK: Das besondere Interesse an der katholischen Kirche hat doch auch noch eine andere Seite. Zu Jahresbeginn entschuldigte sich die Leitartiklerin auf der ersten Seite der Wochenzeitung „Die Zeit“ ausdrücklich bei den Leserinnen und Lesern, vor allem bei ihrem protestantischen Publikum: Sie müsse jetzt schon wieder begeistert von Papst Franziskus schreiben; es ging um seine Gardinenpredigt für die Kurie. Was diesen Papst angeht, fehlt von journalistischer Beißlust jede Spur, die hemmungslose Begeisterung ist fast schon gespenstisch. Sind das die beiden Seiten der gleichen Medaille?

Filipović: Nein, ich würde eher von einem Bruch sprechen, einem gefährlichen Bruch zwischen einer hohen Sensibilität für die Fehlbarkeit der Kirche auf der einen Seite und einer relativ unkritischen Begeisterung für Papst Franziskus und das, was gerade in Rom passiert. Dabei ist der Papst ein sehr authentischer Kommunikator, dem man abnimmt, was er spricht, der seine Botschaft verständlich rüberbringt, kirchenpolitisch meines Erachtens auch die richtigen Akzente setzt. Aber es besteht eben auch Gefahr, dass es zu einer Überhöhung kommt und man ihn dann ebenso rasch abschreibt, wenn klar wird, dass auch bei Franziskus nicht alles Gold ist, was glänzt.

HK: Ein anderer häufig bemühter Vorwurf an die Adresse der Medien lautet, den Journalisten fehle häufig das nötige Wissen, um angemessen über die Kirche berichten zu können.

Filipović: Auch dies beklagen zunächst einmal fast alle gesellschaftlichen Organisationen. Ein Unterschied besteht allerdings darin, dass man in der Kirche solche Dinge häufig noch aus der Perspektive eines stabilen katholischen Milieus beurteilt. Die Kriterien solcher Kritik stammen aus einer Zeit, die vierzig oder fünfzig Jahre zurückliegt. Damals konnte man noch davon ausgehen, dass die Mehrheit der Journalisten zwischen einem Generalvikar und einem Weihbischof unterscheiden kann. Heute stellt sich dies ganz anders dar, und auch die Journalisten sind Kinder ihrer Zeit. Die Zahl der kirchlichen oder religiös nicht oder weniger gut Informierten hat seit diesen Zeiten enorm zugenommen. Auch hier sollte man sich aber nicht übertrieben aufregen. Das steht übrigens schon in der römischen Pastoralinstruktion „Communio et Progressio“ aus dem Jahr 1971. Demnach soll man die Journalisten nicht mit den eigenen Ansprüchen überfrachten. Natürlich machen diese auch Fehler, können sie nicht alles wissen. Als Pressesprecher eines Bistums oder einer kirchlichen Einrichtung darf ich mir selbstverständlich wünschen, dass sich die Journalisten vor einem Termin gut informieren, aber wenn das nicht so ist, dann muss man ihnen eben helfen, dass sie auf den gewünschten Informationsstand kommen. Darüber zu klagen, hilft nicht.

„Das Bild von Kirche in der Öffentlichkeit entsteht durch das, was Kirche tatsächlich tut“

HK: Steht hinter der kirchlichen Medienschelte nicht oft auch der ausgesprochen-unausgesprochene Anspruch, das eigene Bild in der Öffentlichkeit kontrollieren, steuern zu wollen? Nicht zuletzt ist ja auch das Bild, das die treuen Gläubigen von ihrer Kirche haben, über die säkularen Medien vermittelt.

Filipović: Eine prekäre Situation. Natürlich möchte die Kirche aus guten Gründen, dass so über sie berichtet wird, dass sie dabei möglichst gut aussieht. Das klappt aber eben nicht immer, entweder, weil man selbst nicht gut kommuniziert, oder, weil auch tatsächlich etwas Schlimmes passiert und eine sehr kritische Berichterstattung durchaus gerechtfertigt ist. Zum Teil mag in der kirchlichen Medienkritik auch noch das alte „Societas perfecta“-Denken eine Rolle spielen: Man versteht sich als au­tarker Teil der Gesellschaft, in der andere Gesetze gelten als in einer demokratischen, liberalen politischen Öffentlichkeit. Aber das funktioniert in der pluralistischen Moderne nun einmal nicht gut. Wichtig bleibt daher: Das Bild von Kirche in der Öffentlichkeit entsteht durch das, was Kirche tatsächlich tut.

HK: Welchen Einfluss hat dabei die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit?

Filipović: Das ist eine komplizierte Angelegenheit, weil sich die Kirche ja auf sehr verschiedenen Wegen der Medien bedient, das Verhältnis von Kirche und Medien sehr vielschichtig ist. Die Kirche nutzt zum einen die Medien, um ihre Botschaft weiterzugeben, beispielsweise wenn sie in der Gesellschaft um größere soziale Gerechtigkeit wirbt. Dann aber ist sie auch selbst Gegenstand der Berichterstattung. Und schließlich bezieht sie auch medienethisch Stellung gegenüber Entwicklungen im öffentlichen Prozess selbst, beurteilt und kritisiert sie den Zustand der öffentlichen Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft. Diese Gemengelage, verbunden mit der besonderen Struktur der Kirche in Deutschland macht es enorm schwierig, die Frage nach einer angemessenen Öffentlichkeitsarbeit eindeutig zu beantworten. Grundsätzlich muss man ja erst einmal unterscheiden zwischen der Bistumsebene und der Kirche in Deutschland insgesamt.

HK: Worin unterscheidet sich die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit auf Bistumsebene von der überdiözesanen?

Filipović: Die Kommunikationsabteilungen in den Ordinariaten sind seit ungefähr zehn Jahren hoch professionalisiert und zum Teil auch sehr gut personell ausgestattet. Da sitzen gute Leute, die gute Pressearbeit machen. Im Krisenfall kann man dann sehr gut kommunizieren, auch Themen setzen, die einem wichtig sind. Aber oberhalb der Bistumsebene ist die Situation immer noch relativ prekär. Natürlich macht die Kommunikationsabteilung der Deutschen Bischofskonferenz sehr gute Arbeit, aber sie kann alleine keine vernünftige Krisenkommunikation betreiben, sie bleibt immer auf die Zusammenarbeit mit den diözesanen Ordinariaten angewiesen. Das klappt gut, wenn man sich richtig abstimmt. Aber eine gemeinsame Kommunikationsstrategie auf der überdiözesanen Ebene in Sachen Presse und Öffentlichkeitsarbeit gibt es nicht, dazu müssten die einzelnen Bischöfe Macht und Kompetenzen abgeben.

HK: Was ist vor diesem Hintergrund Aufgabe und Funktion der kirchlichen Medienarbeit? Gelegentlich scheint die Erwartung zu bestehen, dass kircheneigene Medien kompensieren, womöglich korrigieren sollen, was die bösen säkularen Medien nicht leisten. In welchem Verhältnis stehen kircheneigene und säkulare Medien zueinander?

Filipović: Im Zentrum steht hier die Katholische Nachrichtenagentur KNA. Ihre Aufgabe ist es, als Dienstleister für die säkulare Gesellschaft und ihre Medien Nachrichten zur Verfügung zu stellen zu dem, was in der Kirche passiert. Das klappt ganz gut. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob das unabhängiger Journalismus ist, oder ob die KNA nicht doch zum Teil eher als Kommunikationsabteilung der Bischofskonferenz verstanden wird. Diese Frage stellt sich allerdings auch bei anderen Produkten im kirchlichen Medienportfolio. Nehmen Sie beispielsweise die Plattform „katholisch.de“, ein gut durchdachtes Produkt, von Profis gemacht. Aber sind diese Profis Öffentlichkeitsarbeiter oder Journalisten? Sie selbst verstehen sich als Journalisten. Mindestens aber handelt es sich hierbei um eine Form von „Markenjournalismus“, so genanntem Brand Journalism, den beispielsweise auch Unternehmen wie Redbull und andere auch betreiben: Die haben Journalisten in ihren Kommunikationsabteilungen, die sich auch als Journalisten verstehen und die Aufgabe haben, Geschichten zu erzählen, „Storytelling“, um letztlich die eigene Marke gut dastehen zu lassen.

HK: Ist das dann Werbung, Öffentlichkeitsarbeit, Journalismus?

Filipović: Es entspricht in jedem Fall einer allgemeinen Tendenz in der Medienlandschaft insgesamt, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Kommunikationsberufen immer mehr verschwimmen. Die Kirche hat hier eine besondere Verantwortung, weil sie sich auch medienethisch entsprechend äußert. Wenn sie einen freien, verantwortlichen und unabhängigen Journalismus fordert, der sich unterscheidet von Öffentlichkeitsarbeit, muss sie bei sich selbst anfangen. Dann bleibt aber die Frage, wo der angemessene Ort für einen solchen unabhängigen Journalismus innerhalb der kirchlichen Medienarbeit ist. Die Bistumszeitungen beispielsweise funktionieren nur noch sehr eingeschränkt als solche Orte. Das zunehmend diskutierte Modell einer kirchlichen Mitgliederzeitschrift ist auch noch einmal etwas anderes. „Christ und Welt“ funktioniert da wohl am ehesten als kritisch unabhängiges, aber doch christlich fundiertes Forum, mit einer ganz charmanten Konstruktion angedockt an die Wochenzeitung „Die Zeit“.

„Zu viel Experiment geht gar nicht im Medienbereich“

HK: In der kirchlichen Medienlandschaft gibt es in den letzten Jahren insgesamt massive Verschiebungen. Aber schon die Analyse ist umstritten. Für einige liegen die Schwierigkeiten vor allem darin begründet, dass man bisher zu sehr fixiert war auf die eigenen treuen Kirchenmitglieder. Entsprechend soll das kirchliche Medienangebot nun breiter aufgestellt werden. Der richtige Weg?

Filipović: Man muss sicherlich auf beides achten. Zum einen gilt es, Sorge zu tragen, dass die eigenen Leute gut informiert sind, ein Forum haben, wo Meinungsbildung für ganz normale Katholiken stattfinden kann. Wenn eine Kirchenzeitung gut gemacht ist, ist sie dafür der richtige Ort, zumindest war das bisher so. Das aber ist zugleich auch meine Befürchtung, dass der durchschnittliche, in seiner Gemeinde engagierte Kirchgänger irgendwann einmal kein Medium, kein Forum mehr findet, wo er auch kritisch informiert wird und Geschichten lesen kann, wie ganz normale Christen mit ihrem Glauben leben – erfahrungsbasiert, erzählt von professionellen unabhängigen Journalisten. Solche Foren sind auf Bistums­ebene zunehmend schwieriger zu organisieren, vor allem auch zu finanzieren. Patentrezepte gibt es wohl nicht. Die andere Seite aber ist, dass die Kirche tatsächlich den Auftrag hat, die Frohbotschaft weiterzuerzählen. Man darf nicht nur die eigenen Leute informieren, muss nach draußen gehen.

HK: Aber mit welchem Medienprodukt erfüllt man diesen Auftrag am ehesten?

Filipović: Auch hier habe ich natürlich kein Patentrezept. Sehr wichtig ist hierfür aber in jedem Fall die Förderung des allgemeinen unabhängigen Journalismus, wie sie zum Beispiel auch das Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses ifp, die von den Bischöfen finanzierte katholische Journalistenschule, leistet. Längerfristig sollte dies jedoch zu einer ökumenischen Veranstaltung werden. Wir wollen ja nicht das Katholische in der Welt vermehren, sondern die Frohe Botschaft erzählen. Das geht besser zusammen.

HK: Innerhalb der kirchlichen Medienarbeit wird viel herumexperimentiert und dabei auch einiges Geld ausgegeben. Man hat es schon mal mit einem eigenen Fernsehkanal versucht, produziert im Erzbistum Köln beispielsweise das Domradio. Jetzt konzentriert man sich auf die so genannten Sozialen Medien und Netzwerke. Braucht es noch mehr Experimentierfreude oder wird zu viel versucht? Geschieht manches nicht auch zu halbherzig?

Filipović: Zu viel Experiment geht gar nicht in diesem Bereich. Es braucht mehr Mut und eine bessere Fehlerkultur in der Kirche: Damit man auch einmal einfach etwas anfängt, und wenn es nicht so gut klappt, eben auch wieder etwas Neues versucht. Das ist natürlich schwierig, weil man auch Großprojekte aufsetzt und damit Pfade bahnt, die man dann nicht mehr verlassen will. Problematisch ist allerdings, wenn solche Innovationsprozesse typischerweise nur von Männern um die 60 Jahre betrieben werden. Diese sind fraglos klug und erfahren und exzellente Fachleute. Es bräuchte aber mehr Mut, auch jüngere Leute, vor allem die 25- bis 30-Jährigen bei solchen Prozessen entscheidend mit einzubeziehen.

HK: Wie dringend bräuchte es eine Gesamtmedienstrategie in der katholischen Kirche in Deutschland?

Filipović: Auch hier gilt es abzuwägen. Vielfalt und Pluralismus bedeuten ja auch einen Schatz. Und die Bindung des Einzelnen zu seiner Kirche erfolgt regional. Was die Krisenkommunikation der Kirche angeht, braucht es in jedem Fall eine überdiözesane Gesamtstrategie. Die Kirchenpresse beispielsweise oder auch das Engagement im Radio sollten besser abgestimmt, aber nicht zentral gesteuert werden. Es muss also ein Mittelweg beschritten werden zwischen einer pluralen Medienlandschaft im Raum des Katholischen und zwei, drei oder fünf Projekten, in denen leicht identifizierbar und erreichbar etwas Gemeinsames geschieht. Die Plattform „katholisch.de“ kann hierfür ein wichtiger Baustein sein.

HK: Wenn man die kirchliche Medienlandschaft in Deutschland insgesamt betrachtet, fällt auf, dass es vor allem die eher traditionalistisch bis restaurativen Kreise sind, die beispielsweise über das Internetportal „kath.net“ eine im Verhältnis zur Größe dieser Gruppe erstaunliche Medienkraft entwickeln und darüber auch kirchenpolitisch Einfluss gewinnen. Machen diese Kreise im letzten die effizientere, womöglich professionellere kirchliche Medienarbeit?

Filipović: Ich würde deren publizistische Macht nicht überbewerten. Es sind ja tatsächlich doch nur sehr wenige, die mit einem hohen Empörungsaufwand den Eindruck erwecken, dass ihre Gruppe viel größer ist. Man sollte dieser Strategie nicht auf den Leim gehen. Und solange solche Positionen die Menschwürde respektieren und im verfassungsgemäßen Rahmen bleiben – das war bei dem Internetportal „kreuz.net“ eindeutig nicht mehr gegeben – kann man sie nicht verbieten. In jedem Fall muss man diesen Kreisen eine gewisse Kam­pagnenfähigkeit bescheinigen. Das liegt natürlich auch daran, dass man sich in diesen Kreisen relativ einig ist, wie man die katholische Kirche versteht. Fragen muss man sich allerdings, wo innerhalb der katholischen Kirche auch die gemäßigten Katholiken, Positionen der Mitte sozusagen, online eine ähnliche Dynamik entfalten können. Da gibt es nichts oder nur sehr wenig. Das liegt aber auch daran, dass die „normalen“ Katholikinnen und Katholiken, die sonntags zur Kirche gehen und etwa im Familienkreis ihrer Gemeinde aktiv sind, sich nicht so empören wollen. Und bei aller Kritik, die sie an ihrer Kirche haben, zeigen sie sich, wenn man sie fragt, auch ganz zufrieden. Trotzdem bräuchte es einen Ort, wo sich auch diese Gruppen der Segnungen des Internets bedienen können: dass es eben auch einen Rückkanal gibt, dass man sich austauschen, an der Meinungsbildung in der Kirche selbst teilhaben kann.

Quelle: Herder Korrespondenz 69. Jahrgang (2015), Heft 2, S. 70-74

Rubrik: Medien

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