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Dies ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus Herder Korrespondenz 9/2013.
Den vollständigen Text sowie alle anderen Artikel der September-Ausgabe finden Sie auf "Herder Korrespondenz online".

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Mentalitätswechsel notwendig

Überlegungen zur Reform der römischen Kurie

von Thomas von Mitschke-Collande

Für die katholische Kirche besteht die Notwendigkeit, ihre Leitungsorganisation umfassend zu erneuern, um vorhandene Defizite zu beseitigen. Drei Punkte sind dabei entscheidend: das Verhältnis der Ortskirchen zur römischen Zentrale, die organisatorische Leistungsfähigkeit der Kurie und das Thema Glaubwürdigkeit und Legitimation.

Die jetzige Gestalt der römischen Kurie ist historisch gewachsen. Die Grundkonzeption mit mehreren Kongregationen, die den Papst bei der Führung der Kirche beraten sollen, wurde durch Papst Sixtus V. Ende des 16. Jahrhunderts geschaffen. Lange Zeit galt diese Organisation der katholischen Kirche als Beispiel musterhafter Führung und Verwaltung und war Vorbild für die Kabinettsstrukturen von Königen und Fürsten im 17. und 18. Jahrhundert. Die Kurie wurde mehrfach reformiert, zuletzt unter Paul VI. und Johannes Paul II., wobei es sich hier eher um eine Optimierung der bestehenden Strukturen und weniger um eine grundlegende Neukonzeption und Neuorganisation handelte. Mit ihrem heutigen Umfang leisten die Kurie und die ihr angehörenden Behörden durch das Engagement und den Sachverstand vieler Mitarbeiter einen beachtenswerten Dienst bei der Führung der Weltkirche.

Für die katholische Kirche besteht jedoch die Notwendigkeit, ihre Leitungsorganisation umfassend zu erneuern, um Schwachstellen zu beseitigen, die Leistungsfähigkeit zu steigern und sie für die wachsenden und sich verändernden Anforderungen des 21. Jahrhunderts zukunftsfähig zu machen. Für einen Außenstehenden sind dabei drei Punkte entscheidend: das Verhältnis der Ortskirchen zur römischen Zentrale, die organisatorische Leistungsfähigkeit der Kurie und das Thema Glaubwürdigkeit und Legitimation.

Ein immer größerer Entscheidungsstau

Das Zweite Vatikanum hat den Orts- und Teilkirchen in den verschiedenen Erdteilen ein größeres Gewicht bei der Mitwirkung an zentralen kirchlichen Entscheidungen beigemessen und eine größere kollegiale Beteiligung der Vertreter der Weltkirche bei zentralen Entscheidungsprozessen angeregt. Hinzu kommt heute, dass durch das Bevölkerungswachstum in den Schwellenländern neue kulturelle und gesellschaftliche Herausforderungen entstanden sind, für die die Kirche Antworten bereithalten muss. Darüber hinaus hat sich ein stärkeres Selbstbewusstsein dieser Ortskirchen entwickelt, die eine stärkere laufende Mitsprache ihrer gestiegenen Bedeutung entsprechend einfordern, und dies nicht nur durch eine größere Repräsentanz in den entsprechenden Gremien, sondern auch im laufenden Tagesgeschäft.

Römische Entscheidungen der letzten Jahre vermittelten jedoch eher den Eindruck, möglichst viel zentral regeln zu wollen. Einheit scheint zu oft mit Einheitlichkeit verwechselt zu werden. Zunehmend kann der wachsende Regelungsbedarf aus diesem Anspruch heraus jedoch von der römischen Verwaltung nicht mehr schnell und effektiv abgearbeitet werden und führt zu einer wachsenden, systemimmanenten Überforderung aller Beteiligten. Ein immer größerer Entscheidungsstau zeichnet sich ab. Das von der Kirche bei anderen Organisationen und Institutionen zu Recht eingeforderte Mehr an Subsidiarität wird im eigenen Verantwortungsbereich nur unvollkommen praktiziert. Hinzu kommt, dass von den römischen Behörden mit Blick auf die Gestaltung der Zukunft zu wenige Impulse in die Weltkirche gehen.

Innerhalb der unübersichtlichen Vielzahl von Einheiten entsteht zusätzlich der Eindruck, dass Entscheidungen mangelhaft bis gar nicht koordiniert sind, weder effektiv noch effizient durchgeführt werden, dass einzelne Organisationseinheiten eher stark gegeneinander arbeiten, dass zu wenig zielführend miteinander kommuniziert wird, dass die Einzelkompetenz und nicht die Kollegial-Gesamtverantwortung gesucht wird. Die vom Zweiten Vatikanum geforderte Kollegialität betrifft nicht nur das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Orts-/ Teilkirchen und der Kurie, sondern auch die Kollegialität innerhalb der Kurie. Sie bleibt jedoch deutlich hinter diesem Anspruch zurück.

Die Abgrenzung der Kompetenzen zwischen den neun Kongregationen, vergleichbar mit Vorstandsbereichen oder Ministerien, den elf päpstlichen Räten, der Vielzahl der päpstlichen Kommissionen und den sonstigen Verwaltungseinrichtungen des Vatikans sind teils unklar, teilweise überschneiden sie sich. Nicht immer ist zu erkennen, wem sie zugeordnet sind, wer ihre Aufgabenstellung formuliert und wer sie kontrolliert. Es ist nicht ersichtlich, wie sie sich in ein funktionierendes geschlossenes Gesamtsystem integrieren. Viele Entscheidungsprozesse sind gekennzeichnet durch einen eklatanten Mangel an organisatorischer Professionalität.

Zusätzlich erschweren es die starren Strukturen, schnell auf sich verändernde Herausforderungen zu reagieren und bestimmte Einrichtungen bei abnehmender Bedeutung auch zu reduzieren oder aufzulösen. Fraglich ist, ob die personelle Ausstattung der einzelnen Einheiten angemessen ist und nicht große Teile überbesetzt, andere dagegen entsprechend ihrer eigentlichen Bedeutung zu gering ausgestattet sind. Zu hinterfragen ist jeweils auch die fachliche Kompetenz. Häufig hat man den Eindruck, dass regionale Herkunft, Anciennität oder Protektion durch andere Kurienmitarbeiter den Vorrang haben vor der Eignung, die gestellte Aufgabe optimal auszuführen. Eine effiziente Organisation ist heute ohne eine professionelle Nutzung moderner Kommunikationsmittel nicht denkbar. Ob diese voll ausgeschöpft wird, muss bezweifelt werden.

Herausragende Beispiele für das stichpunktartig beschriebene organisatorische Versagen ist die Causa des Bischofs der Pius-Bruderschaft, Richard Williamson, sowie die Tatsache, dass man in dreißig Jahren die Vorgänge um das „Istituto per le Opere di Religione“ (IOR), die Vatikanbank, nicht nachhaltig in den Griff bekommen hat.

Aufgrund ihrer besonderen Stellung spielt die römische Kurie, deren Bedeutung in der Darstellung der öffentlichen Medien größer erscheint als sie tatsächlich ist, für die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche eine überragende Rolle. Der überwiegende Teil ihrer Mitarbeiter verhält sich vorbildlich. Das öffentliche Bild wird aber - so ungerecht dies scheinen mag - bestimmt durch das Verhalten einiger weniger. Die „Vatileaks“-Affäre hat hier einige eklatante Schwächen aufgezeigt. Korruption, Machtkämpfe, Intrigen, Erpressungen, homosexuelle „Seilschaften“, auch wenn es nur Einzelfälle sein mögen, bestimmen das öffentliche Bild und untergraben den Anspruch einer glaubwürdigen, authentischen Institution in der Nachfolge Jesu. Hinzu kommt der opulente, öffentlich zur Schau getragene Lebensstil einiger hoher Würdenträger (oft fremdfinanziert, was bekanntermaßen Abhängigkeiten schafft), die im krassen Widerspruch zur vielfach beschworenen „apostolischen Einfachheit“ stehen. Zusätzlich wird die Kurie in ihrem Innenleben sehr stark durch eine nicht mehr zeitgemäße „höfische“ Kultur geprägt.

Mangelnde Transparenz und Geheimniskrämerei

Insgesamt muss ein Mentalitätswechsel erreicht werden: Nicht mehr eine erfolgreiche Karriere in der Kurie darf die Lebenshoffnung für den Einzelnen sein, sondern der Dienst in der Weltkirche, bei der der Vatikan nur eine zeitlich begrenzte Station ist.

Die Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse sind daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie die Möglichkeiten der vollen Ausschöpfung der modernen digitalen Kommunikationsinstrumente nutzen. Sollte nicht Englisch Italienisch als gemeinsame Amtssprache ersetzen, um es auch Mitarbeitern vor allem aus der Dritten Welt zu erleichtern, an der Entscheidungsfindung teilzunehmen?

Gerade für eine wertebasierte Institution ist die Glaubwürdigkeit ihrer obersten Leitungsorganisation von höchster Bedeutung. Ein weiterer Schwerpunktbereich ist daher das korrekte Verhalten von einzelnen Mitgliedern. Hier sollte ein Verhaltenskodex erstellt werden, der durch eine „Compliance Organisation“, wie sie jeder größere Konzern hat, weiterentwickelt und überwacht wird. Um ihre Unabhängigkeit sicherzustellen, sollte sie direkt dem Papst unterstellt sein.

Ein festgelegtes Compliance-Verfahren stellt klare Kriterien und einen geregelten Ablauf bei Regelverletzungen dar, entlastet die Leitungspersonen und schafft Vertrauen. Stichpunkte wären hier: Verschwiegenheit, untadelige Lebensführung, keine Annahme von Geldzuweisungen oder sonstigen Vorteilen - auch nicht von der eigenen entsendenden Diözese oder einer anderen Organisation, vertrauensvoller und kollegialer Umgang miteinander. Auch wenn dies zu höheren Personalkosten führt: Unabdingbare Voraussetzung dafür ist unter anderem eine angemessene Bezahlung der Mitarbeiter, die es ihnen erlaubt, ein auskömmliches Leben in Rom führen zu können und nach dem Ausscheiden ausreichend versorgt zu sein. Dies ist eine selbstverständliche Fürsorgepflicht eines jeden Arbeitgebers, die Mitarbeiter auch in führenden Positionen für finanzielle Zuwendungen weniger empfänglich macht.

Geklärt werden muss, welche Rolle und Funktion, Unterbringung und Versorgung ehemalige Mitarbeiter und Führungskräfte erhalten, die keine aktive Funktion mehr innehaben, aber informell erheblichen, nicht steuerbaren Einfluss ausüben können.

Die Vergabe von Aufträgen hat nach vorher festgelegten Kriterien objektiv und transparent zu erfolgen. Entsprechende Gremien haben über ihre Einhaltung zu wachen. Zu überdenken sind auch Statussymbole wie zum Beispiel die Ausstattung der Büros und Wohnungen, die genutzte Fahrzeugklasse und anderes mehr. Widerspricht nicht etwa das Heranziehen von Nonnen für einfache Hausarbeit deren eigentlicher Absicht, sich pastoralen und karitativen Anliegen zu verschreiben - und nicht billige Arbeitskräfte zu sein?

Insgesamt muss das Auftreten und Verhalten grundlegend überdacht und dort, wo Auswüchse sind, unabhängig von Person und Funktion radikal zurückgeschnitten werden. Ein wortgetreuer Rückgriff auf den „Katakombenpakt“ der ursprünglich 40 Konzilsväter aus dem Jahr 1965 scheint zwar nicht zweckmäßig - als Anregung vor allem für die Mitglieder der römischen Kurie darf er allemal dienen.

Dem Vorwurf vom angeblich unermesslichen Reichtum des Vatikans wird Vorschub geleistet durch mangelnde Transparenz und Geheimniskrämerei. Die bisher veröffentlichten Bilanzen decken nur einen Teil des Gesamtvermögens ab und geben keinen umfassenden und transparenten Überblick über die tatsächliche finanzielle Situation. Der Vatikan sollte daher durch einen externen Wirtschaftsprüfer eine umfassende Art „Konzernbilanz“ erstellen, die neben dem Heiligen Stuhl, dem Vatikanstaat alle weiteren Aktivitäten, an denen der Vatikan direkt oder indirekt beteiligt ist, erfasst und klar darstellt. Hier sollten alle wirtschaftlichen Güter (keine Kunstschätze und Sakralbauten), Immobilien und sonstige Anlagen und Beteiligungen sowie Einnahmen und Ausgaben nach Art und Quellen aufgeführt und veröffentlicht werden. Natürlich gibt es viele offene, schwierige technische Fragen, die aber zu lösen sind. In jedem Fall sollte Transparenz in allen finanziellen Themen oberstes Gebot sein.

Dr. Thomas von Mitschke-Collande (geb. 1950), Director emeritus bei der Unternehmensberatung McKinsey. Er hat bei der Neustrukturierung des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz mitgewirkt und die Bistümer Mainz und Passau sowie das Erzbistum Berlin beraten. Er ist Mitglied des Diözesanrats des Bistums Augsburg sowie des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Veröffentlichung: Schafft sich die katholische Kirche ab? Analysen und Fakten eines Unternehmensberaters, 2. Auflage, München 2013.

Dies ist die gekürzte Fassung eines Beitrags aus Herder Korrespondenz 9/2013.
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