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Ein unbequemer Katholik
Was heute von Heinrich Böll zu lernen wäre
Zahlreiche krisenhafte Entwicklungen nähren heute die Befürchtungen vieler Kirchenchristen, der Anfang vom Ende deskirchlich-institutionell verfassten Christentums sei gekommen. Dem steht jedoch das Phänomen gegenüber, dass unsere Zeit geradezu von einem Boom (religiöser) Sinnsuche aller Artgeprägt ist. „Sehnsucht nach Sinn" (Peter Berger), „Sehnsuchtsreligion"(Maria Widl) - so lauten unter anderem die Beschreibungen für eine Sinnsuche, die an den Kirchen vorbeizulaufen scheint. Der Boom des Religiösen geht offensichtlichunmittelbar zu Lasten seiner kirchlich gebundenen Verfassung: Religion ist „in", die Kirchen leer.
Vor dem Hintergrund dieser sich zum Teil sehr widersprüchlich ausnehmenden religiösen Landschaft der Gegenwart erscheint das Werk Heinrich Bölls ebenso aktuell wie „überholt".
Es ist eine leichte Übung, Heinrich Böll primär als prominenten Kirchenkritiker zu profilieren und von hier aus seine bleibende Bedeutung herauszustellen.
Bölls Kritik an „Pfaffen", seine Polemik gegen scheinheilige„Verwalter" des Glaubens ist legendär und viel zitiert. In „Und sagte kein einziges Wort" (Köln 1953) spürt Käte Bogner, deren Familienleben unter der Wohnungsnot im Nachkriegsdeutschland fast zerbricht, „Hass auf die Priester, die in großen Häusern wohnen und Gesichter haben wie Reklamebilder für Hautcreme". Aber im Roman ist es bezeichnenderweise wiederum ein Gottesdiener, ein „Dreiminuspriester" ohne Orden, ohne gute Zeugnisse und ohne „Märtyrer-Krone", der Käte Bogners Hass teilt und ihr dennoch zugleich hilft, ein Leben ohne Hass und Angst zu leben.
Böll geißelte die Kirche immer wieder als Ort der Unbarmherzigkeit, Hochmütigkeit und heuchlerischen Frömmigkeit, aber sie konnte für ihn wie im Roman „Und sagte kein einziges Wort" auch ein Ort „unendlichen Friedens" sein, an dem die„Gegenwart Gottes" erfahrbar ist. Bölls Kritik an der „Institution" Kirche wurde immer erbitterter, aber seine schonungslose Verurteilung der katholischen Amtskirche war eine Kritik im Namen des Christentums.
Er trat aus der katholischen Kirche aus, aber erblieb ein praktizierender Katholik. Auch nach seinem Austritt war sein Glaube katholisch, kirchlich bestimmt. Er nahm an Gottesdiensten teil und ging zur Kommunion.
Bölls Werk stand unter dem Einfluss der katholischen Erneuerungsbewegung Frankreichs, aber Böll selbst war kein fortschrittlicher religiöser „Reformator". Bölls Theologie war in mancher Hinsicht vorkonziliar ausgerichtet, vor allem die Liturgiereform des Zweiten Vatikanums lehnte er in weiten Teilen ab.
Böll kritisierte Zerrformen von Religiosität, leere Rituale und„Frömmigkeitsübungen", aber er war kein zynisch-aufgeklärter Religions- und Kirchenkritiker. Er war vielmehr geradezu „altmodisch" fromm. Er betete sein Leben lang und hielt auch unterschwierigsten Verhältnissen an seinem Glauben fest.
Sind Bölls Werke als historische Dokumente zu lesen, in denen sich die Religions- und Kirchengeschichteeiner vergangenen Epoche spiegelt und kritisch reflektiert wird? Was bleibt von Heinrich Böll in Zeiten, in denen Religion in Gestalt der christlichen Kirchen erodiert und sich der Traditionsabbruch beschleunigt?
Vielleicht kann man Böll auf eine andere Weise aktualisieren, indem man ihn auf eben diese Erosionsprozesse bezieht.
Für die postmodernen Sinnsucher ist primär das funktionale „Eigeninteresse" an Religion maßgebend. Konkret heißt das: Es werden vor allem die Lebenshilfefunktionen von Religion nachgefragt - Funktionen, die sich bei ganz verschiedenen Anbietern abrufen lassen. Die Anfrage an diese Anbieter lautet jeweils: Wie hilft mir Religion in meiner Lebenssituation und meinem Alltag? Wie kann ich meinem Leben Sinn verleihen und es „besonders" machen?
Viele dieser Fragen treiben auch die Böllschen Figuren um. Aber Böll zeigt, dass Religion nur dann Hilfe im Alltag sein kann, wenn sie eben diesen Alltag auch durchdringt und prägt. Die heutigen (spirituellen) Sinnsucher wollen ihren Alltag „erhöhen", Böll will den Alltag „heiligen". Mit anderen Worten: Glaube und Religion geben dem Leben nicht nur Halt, sie geben ihm auch eine Form. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen.
Böll lehnt eine Ästhetisierung von Religion ab, die einer unverbindlichen Folgenlosigkeit Vorschub leistet. Diese Folgenlosigkeit zeigt sich für Böll vor allem darin, dass religiöse Formen als „Dekor" genutzt werden und Religion so letztlich nur noch Mittel zum Zweck ist. Bölls schonungslose Verurteilung solcher entleerter, folgenloser Instrumentalisierungen von Religion wirft zugleich einen kritischen Blick voraus auf das, was man heute als „Eventisierung" und „Mediatisierung" des Religiösen beschreibt.
Elisabeth Hurth
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